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// Hinter den Kulissen. Ein Foto und die Geschichte dahinter!

Sojourner Truth sitzt 1864 mit weißer Haube und hellem Schultertuch, mit Strickarbeit neben einem Tisch mit Buch und Blumen; rote Schrift darunter.

Fotogeschichte #16 – Sojourner Truth: einem Porträt die eigene Stimme geben

Autorenbild: Bánhalmi Norbert
Bánhalmi Norbert
28. Okt.
4 Min. Lesezeit
Sojourner Truth sitzt 1864 mit weißer Haube und hellem Schultertuch, mit Strickarbeit neben einem Tisch mit Buch und Blumen; rote Schrift darunter.
Unbekannter amerikanischer Fotograf: Sojourner Truth, „I Sell the Shadow to Support the Substance“, 1864. Albuminsilberabzug von einem Glasnegativ, Carte de visite. The Metropolitan Museum of Art, New York, 2013.54. Gemeinfrei (Public Domain).

Schau auf den unteren Rand der Fotokarte. Unter dem Porträt steht in roten Buchstaben: „I Sell the Shadow to Support the Substance.“ Der Satz ist mehr als eine Bildunterschrift. Die abgebildete Frau verbindet ihr Gesicht mit der Arbeit, die sie finanzieren wollte. Wir begegnen zugleich einem Menschen und einer öffentlichen Aussage.

Das Foto stammt aus dem Jahr 1864. Es zeigt Sojourner Truth, eine amerikanische Rednerin, die sich gegen die Sklaverei und für Frauenrechte einsetzte. Wer die Kamera bediente, ist unbekannt. Doch ihr Name steht unter der Aufnahme; auf der Rückseite findet sich ein Urheberrechtsvermerk auf ihren Namen. Dieser Unterschied ist wichtig.

Die Worte unter dem Bild

Der „shadow“, der Schatten, meint das fotografische Abbild. „Substance“ verweist auf das wirkliche Leben und die Anliegen, die durch den Verkauf der Karte unterstützt werden konnten. Die Formulierung beschreibt das Medium, erklärt den Zweck und bietet die Karte zugleich zum Kauf an. Darunter steht Truths Name in Großbuchstaben.

Schneiden wir den beschrifteten Rand weg, bleibt ein gewöhnliches Atelierporträt aus dem 19. Jahrhundert. Mit dem Text wird sichtbar, dass die Porträtierte selbst eine Aussage mit ihrem Bild verband. Karton, Druckfarbe und Schrift sind hier ein Teil der fotografischen Geschichte.

Wer sitzt vor der Kamera?

Sojourner Truth wurde unter dem Namen Isabella Baumfree im Bundesstaat New York geboren und lebte zunächst in Sklaverei. Später wurde sie als Rednerin der Antisklaverei- und Frauenrechtsbewegung bekannt. Reisen, öffentliche Auftritte und Organisation brauchten Mittel. Eine verkaufbare Bildkarte konnte dabei ganz praktisch helfen.

Das Metropolitan Museum of Art nennt einen unbekannten Fotografen und vermutet ein Studio in Detroit. Dieser Ort ist nicht gesichert. Auch ihre Gedanken können wir nicht aus dem Gesichtsausdruck ablesen. Die dokumentierte Verwendung der Fotokarten erzählt dagegen viel über ihre Entscheidungen.

Ein Foto zum Weitergeben

Eine Carte de visite war ein kleines Foto auf Karton. Man konnte es verschicken, in ein Album legen oder persönlich überreichen. Die fotografierte Fläche des Met-Exemplars misst etwa 8,5 × 5,4 Zentimeter. Auf dem Bildschirm betrachten wir das Porträt viel größer, als es ursprünglich in einer Hand lag.

Truth verkaufte ihre Bildkarten bei Vorträgen und per Post. Ein historischer Beitrag des U.S. Copyright Office nennt Preise von 25 bis 50 Cent. Nicht jedes erhaltene Exemplar muss denselben Weg genommen haben. Das Prinzip ist dennoch nachvollziehbar: Ein kleines Foto machte eine Person auch aus der Ferne erkennbar und ihre Arbeit unterstützbar.

Was die Aufnahme zeigt

Truth sitzt vor einem neutralen Hintergrund. Die helle Haube und das weiße, gefranste Schultertuch heben sich vom dunklen Kleid ab. Sie hält Strickzeug in den Händen. Neben ihr stehen ein Buch und Blumen auf einem kleinen Tisch. Das Bild wirkt ruhig und bewusst geordnet; ihr Blick richtet sich zur Kamera.

Achte darauf, wie die Fäden den Blick vom Schoß zu den Händen und zum Tisch führen. Wir wissen nicht, wer die Gegenstände auswählte oder wie das Posieren abgesprochen wurde. Das Museum deutet die Gegenstände im Zusammenhang mit der Würde weiblicher Arbeit. Es handelt sich um eine Interpretation, nicht um ein Protokoll der Aufnahme.

Das Foto zeigt eine Person und die Dinge um sie herum. Der gedruckte Name zeigt, wer mit dem Bild sprechen wollte.

Wer durfte über das Bild bestimmen?

Die Rückseite trägt einen Urheberrechtsvermerk von 1864 auf Sojourner Truths Namen. Nach Forschungen des U.S. Copyright Office ließ sie am 16. Februar 1864 einen Anspruch auf solche Drucke eintragen. Dafür nutzte sie das damalige Verfahren für Drucke beziehungsweise Gravuren. Es ging also um eine konkrete rechtliche und wirtschaftliche Handlung.

Das machte Truth nicht zur Fotografin. Wer die Kamera bediente, ist weiterhin unbekannt. Der Eintrag dokumentiert aber ihren Versuch, die Verbreitung ihres Porträts mitzubestimmen und Einnahmen daraus zu erzielen. Fotografierende, abgebildete Person und Vertrieb können unterschiedliche Rollen haben.

Warum sie den Schatten verkaufte

Truth hatte selbst in einer Gesellschaft gelebt, die ihr die Verfügung über wesentliche Teile des eigenen Lebens verweigerte. Vor diesem Hintergrund erhält der Verkauf ihrer Porträts besonderes Gewicht. Die Erlöse konnten ihre öffentliche Arbeit unterstützen. Der Vermerk stellte ihren Anspruch für jeden sichtbar auf die Rückseite der Karte.

Ein fotografisches Abbild kann weiterreisen, während der Mensch an einem anderen Ort spricht oder arbeitet. Andere können es aufbewahren, erkennen und weitergeben. Truth nutzte diese Möglichkeit bewusst. Dafür müssen wir keine modernen Begriffe der Markenkommunikation bemühen; die Karte selbst erklärt den Zweck.

Was bedeutet das heute?

Wenn wir über fotografische Wahrheit sprechen, denken wir oft an Bildausschnitt oder Bearbeitung. Hier kommt etwas anderes hinzu: Wer entscheidet darüber, wofür ein Porträt steht und wem es nützt? Die Antwort liegt nicht in einer vermuteten Stimmung der Porträtierten. Sie steht in den gedruckten Worten unter dem Foto.

In Fotogeschichte #15 über Gustave Le Gray ging es um zwei Negative, die zu einem Bild wurden. Truths Karte lenkt den Blick auf die Entscheidungen nach der Aufnahme. Was verlieren wir, wenn wir das Porträt ohne seinen beschrifteten Rand zeigen?

Werk, Quellen und Bildrechte

Werk: unbekannter amerikanischer Fotograf, Sojourner Truth, „I Sell the Shadow to Support the Substance“, 1864. Albuminsilberabzug von einem Glasnegativ, Carte de visite. The Metropolitan Museum of Art, Inventarnummer 2013.54. Das Museum weist das Werk als gemeinfrei aus. Die historische Copyright-Angabe von 1864 ist nicht mit der heutigen Rechtslage gleichzusetzen.

 
 
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