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// Hinter den Kulissen. Ein Foto und die Geschichte dahinter!

Gustave Le Grays Meeresaufnahme von 1857: weiße Brandung an dunklen Felsen im Vordergrund, links ein steinerner Wellenbrecher und darüber dichte Wolken.

Fotogeschichte #15 – Gustave Le Gray: zwei Negative, eine Welle

Autorenbild: Bánhalmi Norbert
Bánhalmi Norbert
26. Okt.
4 Min. Lesezeit
Gustave Le Grays Meeresaufnahme von 1857: weiße Brandung an dunklen Felsen im Vordergrund, links ein steinerner Wellenbrecher und darüber dichte Wolken.
Gustave Le Gray: The Great Wave, Sète, 1857. Albuminsilberabzug aus zwei Glasnegativen. The Metropolitan Museum of Art, New York, 1976.646. Gemeinfrei / Public Domain.

Schau zuerst auf den unteren Bildrand. Zwischen dunklen Felsen verteilt sich weißer Schaum. Weiter hinten bricht eine größere Welle. Links reicht ein langer steinerner Wellenbrecher ins Meer. Über der Küste öffnet sich ein heller Bereich zwischen schweren Wolken. Das Foto hält still, aber das Wasser scheint sich überall zu bewegen.

Gustave Le Gray schuf The Great Wave, Sète 1857 an der französischen Mittelmeerküste. Zunächst sieht das Bild wie die unmittelbare Aufnahme einer bewegten See aus. Hinter diesem Eindruck steckt jedoch eine Entscheidung, die wir allein am Bild nicht sicher erkennen könnten: Meer und Himmel wurden von zwei verschiedenen Negativen auf dasselbe Papier gedruckt.

Die Welle im Bildausschnitt

Unser Blick fällt zuerst auf die helle Gischt. Die Steine im Vordergrund wirken beinahe schwarz, während der Wellenkamm leuchtet. Dieser Helligkeitsunterschied lässt die Kraft des Wassers spürbar werden. Le Gray zeigt nicht den gesamten Hafen. Viele Hinweise, die auf einer gewöhnlichen Stadtansicht zur Orientierung dienen würden, liegen außerhalb des Bildes.

Der Wellenbrecher bildet eine feste geometrische Linie. Daneben verändert das Meer fortwährend seine Form. Die großen Wolken darüber nehmen den Rhythmus der Wellen auf. Man kann drei verschiedene Zeitvorstellungen darin sehen: den beständigen Stein, das rasch wechselnde Wasser und den langsamer ziehenden Himmel. Das ist eine Bildinterpretation, kein Beleg für die genauen Aufnahmezeitpunkte.

An der Küste von Sète, 1857

Le Gray gehörte zu den wichtigen Fotografen der frühen französischen Fotogeschichte. Er hatte Malerei studiert und beschäftigte sich später mit den technischen und gestalterischen Möglichkeiten der Fotografie. Seine Aufnahmen aus Sète sind Teil einer Serie von Meeresbildern aus den Jahren 1856 und 1857. Eine institutionelle Darstellung der spanischen königlichen Fotosammlung verbindet seinen Aufenthalt in Sète im Frühjahr 1857 auch mit der Eröffnung einer Eisenbahnlinie.

Ein Abzug von The Great Wave, Sète wird heute im Metropolitan Museum of Art in New York aufbewahrt. Das Museum datiert ihn auf 1857 und beschreibt ihn als Albuminsilberabzug im Format 33,7 × 41,4 Zentimeter. Das hier gezeigte Digitalbild stammt von genau diesem Museumsexemplar. Abzüge in anderen Sammlungen sind eigenständige historische Objekte.

Warum reichte ein Negativ nicht aus?

Die lichtempfindlichen Materialien jener Zeit reagierten nicht auf alle Lichtfarben gleich. Den hellen Himmel und das dunklere Meer mit vergleichbarem Detailreichtum auf einem Negativ festzuhalten, war schwierig. Wurde die Belichtung auf das Wasser abgestimmt, verlor der Himmel leicht seine Zeichnung. Bei einer Belichtung auf die Wolken konnten Strand und Meer zu dunkel werden.

Le Gray fand seine Lösung in der Dunkelkammer. Er nahm das Meer mit einem Negativ und den Himmel mit einem zweiten auf. Anschließend belichtete er beide auf ein einziges Blatt Fotopapier. Dieses Verfahren heißt Kombinationsdruck oder combination printing. Sowohl das Met als auch die museale Beschreibung des Getty erläutern diese Arbeitsweise. Die technische Lösung war zugleich eine gestalterische Wahl.

Wo treffen sich die beiden Aufnahmen?

Die entscheidende Grenze liegt in der Nähe des Horizonts. Wolken und Wasser schließen sich zu einer scheinbar durchgehenden Landschaft zusammen. Die Verbindung soll gerade nicht auffallen. Wer das Bild betrachtet, soll einen zusammenhängenden Raum erleben, obwohl der Fotograf den Abzug aus unterschiedlichen Aufnahmen aufgebaut hat. Die Bildgestaltung ging in der Dunkelkammer weiter.

Das Metropolitan Museum erklärt außerdem, dass Le Gray seine Negative von Meer und Himmel manchmal zu verschiedenen Zeiten oder sogar an unterschiedlichen Orten aufgenommen hat. Daraus lässt sich für die beiden konkreten Negative dieses Abzugs kein exakter Aufnahmezeitpunkt ableiten. Ein gemeinsamer Moment im fertigen Bild muss nicht durch eine einzige Belichtung entstanden sein.

Das Foto zeigt eine Küste. Ob Welle und Wolken zum selben Augenblick gehörten, lässt sich aus dem Bild allein nicht beweisen.

Was macht ein Foto glaubwürdig?

Hier wird das Bild besonders interessant. Die Welle, die Felsen und der Wellenbrecher wurden fotografiert. Auch die Wolken sind durch Licht festgehalten worden. Wie die beiden Teile im fertigen Bild zusammenkommen, beruht jedoch auf einer bewussten Entscheidung. Die Auswahl der Negative gehört ebenso zur Werkgeschichte wie der Abzug selbst.

Es wäre ungenau, die Aufnahme einfach als Fälschung zu bezeichnen. Genauso falsch wäre es, sie als unverändertes Dokument eines einzigen Augenblicks vorzustellen. Eine künstlerische Meeresansicht des 19. Jahrhunderts erhebt einen anderen Anspruch als ein heutiges Nachrichtenfoto, das als Beleg dienen soll. Für die Beurteilung der Glaubwürdigkeit müssen wir wissen, was ein Bild behauptet und wie es entstanden ist.

Wie reagierte das damalige Publikum?

Le Grays Meeresbilder erregten schon in den 1850er-Jahren Aufmerksamkeit. Laut einem institutionellen Ausstellungstext zur Sammlung des Patrimonio Nacional war die Serie 1857 bei der Ausstellung Art Treasures of the United Kingdom in Manchester zu sehen. Das Publikum begegnete einer schwierigen technischen Lösung und einer ungewöhnlich ausdrucksstarken Darstellung der See.

Die Bewegung der Wellen wird hier nicht wie in einem Film als Ablauf gezeigt. Der Fotograf hält einen ausgewählten Zustand fest. Gleichzeitig erhält der wolkenreiche Himmel fast dasselbe Gewicht wie das Wasser. Das vertraute Motiv der Meeresmalerei bekommt so eine eigene fotografische Form. Daraus folgt aber nicht, dass alle späteren Meeresbilder unmittelbar auf diesen Abzug zurückgehen.

Die Frage stellt sich auch heute

In der Fotogeschichte #14 haben wir an William Henry Fox Talbots offener Tür gesehen, wie Bildausschnitt und Licht eine alltägliche Szene verändern. Le Gray geht einen Schritt weiter. Seine Entscheidungen entstehen vor der Kamera und beim späteren Drucken. Entscheidend ist, wohin diese Entscheidungen unseren Blick lenken.

Auch in der digitalen Fotografie werden heute mehrere Belichtungen miteinander verbunden. Manchmal geht es darum, einen größeren Helligkeitsbereich sichtbar zu machen. Manchmal werden Elemente aus unterschiedlichen Augenblicken kombiniert. Die wichtige Frage lautet: Will das Bild einen bestimmten Moment bezeugen oder eine bewusst gestaltete Ansicht zeigen? Dafür müssen wir auch den Kontext und den Herstellungsprozess kennen.

Werk, Quellen und Bildrechte

Gustave Le Gray: The Great Wave, Sète, 1857. Albuminsilberabzug, durch Kombination von Glasnegativen entstanden. The Metropolitan Museum of Art, New York, Inventarnummer 1976.646; 33,7 × 41,4 cm. Das Museum stellt die Reproduktion im Rahmen seines Open-Access-Programms als Public Domain zur Verfügung. Das hier verwendete Bild zeigt das historische Exemplar dieser Sammlung.

 
 
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