top of page

// Hinter den Kulissen. Ein Foto und die Geschichte dahinter!

Drei Jungen schlafen nebeneinander auf einer New Yorker Türschwelle in Jacob Riis' Schwarzweißfotografie von etwa 1888.

Fotogeschichte #17 – Jacob Riis: drei Jungen auf einer New Yorker Türschwelle

Autorenbild: Bánhalmi Norbert
Bánhalmi Norbert
vor 6 Tagen
3 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 2 Tagen

Jacob A. Riis: Street Arabs in “sleeping quarters”, New York, ca. 1888, später abgezogen. Library of Congress, LC-DIG-ds-00037. Rights advisory: No known restrictions on publication.

Drei Jungen schlafen zwischen einer Stufe und einer Tür. Es gibt kein Bett, kein Zimmer und kein spektakuläres Ereignis. Die Lage ihrer Körper, der enge Raum und die Tatsache, dass eine Türschwelle zum Schlafplatz geworden ist, reichen aus, um den Blick festzuhalten.

Jacob Riis nahm das Bild um 1888 in New York auf. Die Library of Congress führt es unter dem historischen Titel Street Arabs in “sleeping quarters”. Diese Bezeichnung gehört in ihre Zeit und wäre heute keine angemessene Benennung von Menschen. Als Archivtitel sollte sie dennoch erhalten bleiben, weil auch sie etwas über den damaligen Blick auf die dargestellten Kinder erzählt.

Eine Türschwelle wird zum Schlafplatz

Die Komposition ist unmittelbar. Die Körper der Jungen bilden eine gedrängte Gruppe, während Wand und Tür den Raum nach hinten abschließen. Es gibt keine heroische Geste und kaum visuelles Spektakel. Die Wirkung entsteht dadurch, dass ein gewöhnliches Bauelement — die Schwelle — eine andere Funktion übernimmt.

Das Foto sagt uns nicht, was wir über die Jungen denken sollen. Es zeigt präzise, wo und wie sie geschlafen haben.

Riis: vom Polizeireporter zum Sozialreformer

Riis kam als dänischer Einwanderer in die Vereinigten Staaten und arbeitete später als Journalist in New York. Die Library-of-Congress-Ausstellung zu Riis beschreibt seinen Schwerpunkt auf Wohnverhältnissen, Armut, Bildung und dem Leben von Einwanderern. Fotografie nutzte er nicht isoliert, sondern zusammen mit Texten, Vorträgen und Reformkampagnen.

Die Darstellung seiner Arbeit als Reporter zeigt, wie lange er im Umfeld der Polizeiberichterstattung tätig war und dadurch täglich mit den härtesten sozialen Verhältnissen der Stadt konfrontiert wurde. Seine Fotografien entstanden aus dieser Nähe.

Was veränderte die Fotografie?

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurden Fotografien in Druckwerken und projizierten Vorträgen zunehmend eingesetzt, um soziale Zustände sichtbar zu machen, die viele Menschen sonst nur aus Beschreibungen kannten. Riis' Bedeutung liegt auch in dieser Übersetzung: urbane Armut konnte gesehen und nicht nur beschrieben werden.

Nach den Unterlagen der Library of Congress zu seinen Lichtbildvorträgen zeigte Riis bereits 1888–1889 projizierte Bilder aus den New Yorker Mietskasernen. Die Fotografie wurde damit zugleich Dokument und Kommunikationsmittel.

Die Grenze des Dokuments

Das Bild zeigt drei schlafende Kinder. Es sagt uns nicht, wer sie waren, wie lange sie so lebten oder was später aus ihnen wurde. Eine Fotografie kann ein starker Beleg für eine Situation sein, ohne zu einer vollständigen Biografie zu werden.

Diese Unterscheidung ist heute besonders wichtig, weil ein einzelnes Bild in Sekunden aus seinem Zusammenhang gelöst werden kann. Dokumentarfotografie ist nicht deshalb glaubwürdig, weil sie alles erklärt. Sie ist glaubwürdig, wenn wir sauber trennen können, was sichtbar ist und was wir nur annehmen.

Für mich als Fotograf liegt die Kraft eines solchen Bildes nicht in zusätzlicher Dramatik. Sie liegt darin, eine reale Situation so genau zu zeigen, dass Wegsehen schwieriger wird.

Verbindung zur vorherigen Folge

In Fotogeschichte #16 – Sojourner Truth ging es darum, wie eine Person einem Porträt eine eigene Botschaft und Kontrolle geben kann. Riis' Aufnahme steht auf der anderen Seite dieses Problems: Die Dargestellten wurden vor allem durch den Fotografen und die Institutionen repräsentiert, die das Bild verbreiteten. Diese Differenz gehört bis heute zu den ethischen Kernfragen der Dokumentarfotografie.

Wie sehen wir das Bild heute?

Schau noch einmal hin, aber beginne nicht mit den Gesichtern. Achte auf die Schwelle, die Wand, die Anordnung der Körper und darauf, wie wenig physischer Raum innerhalb des Bildes verfügbar ist. Die Umgebung erzählt fast so viel wie die Personen.

Bei jedem dokumentarischen Bild helfen drei Fragen: Was sehe ich tatsächlich? Was weiß ich aus der Quelle? Was ergänze ich selbst? Wenn wir diese Ebenen trennen, wird unsere Interpretation genauer.

Quellen und Bildrechte

Werk: Jacob A. Riis: Street Arabs in “sleeping quarters”, New York, ca. 1888, später abgezogen. Library of Congress, LC-DIG-ds-00037; LOT 6300.

Rechte: Der Katalogeintrag der Library of Congress trägt den Hinweis „No known restrictions on publication“. Das hier verwendete Digitalisat stammt aus der Sammlung der Library of Congress.

 
 
bottom of page