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// Hinter den Kulissen. Ein Foto und die Geschichte dahinter!

Auf Hippolyte Bayards inszeniertem Selbstporträt von 1840 sitzt er mit geschlossenen Augen, freiem Oberkörper und hellem Tuch; links ist ein Hut zu sehen.

Fotogeschichte #19 – Hippolyte Bayard: ein Foto inszeniert den Tod

Autorenbild: Bánhalmi Norbert
Bánhalmi Norbert
vor 2 Tagen
5 Min. Lesezeit
Auf Hippolyte Bayards inszeniertem Selbstporträt von 1840 sitzt er mit geschlossenen Augen, freiem Oberkörper und hellem Tuch; links ist ein Hut zu sehen.
Hippolyte Bayard: Le Noyé (Selbstporträt als Ertrunkener), 1840. Direktpositiv auf Papier. Originalwerk: gemeinfrei. Digitale Reproduktion: Wikimedia Commons / Digital Library Federation Academic Image Cooperative. Sammlungsreferenz: Société française de photographie, SFP 24 POD 269.


Ein Mann sitzt vor einer dunklen Wand. Sein Oberkörper ist frei, um die Hüften liegt ein helles Tuch. Der Kopf ist zur Seite geneigt, die Augen sind geschlossen. Links hängt ein Hut. Die reglose Haltung kann an einen Toten erinnern. Doch der Mann auf diesem Bild hat die Szene selbst vorbereitet. Er lebte.

Hippolyte Bayard fotografierte sich 1840 in dieser Haltung. Das Werk heißt Le Noyé – „Der Ertrunkene“. Die Aufnahme wird verständlicher, wenn man auch den Text berücksichtigt, den Bayard auf die Rückseite einer Fassung schrieb. Darin erzählt er seine eigene Geschichte, als wäre er bereits gestorben.

Was sehen wir – und was denken wir hinzu?

Der Körper befindet sich in der Bildmitte und rechts davon, zwischen dunklem Hintergrund und hellem Stoff. Der gesenkte Kopf, die geschlossenen Augen und die ruhige Haltung lassen an den Tod denken. Wasser ist nicht zu sehen, ebenso wenig ein Ertrinken. Den Tod sehen wir nicht. Wir erschließen ihn aus der Pose.

Achte auf den Hut links im Bild. Er ist ein gewöhnlicher Gegenstand, wirkt aber wie ein Gegengewicht zur Figur. Hut, Tuch und Hintergrund bilden eine erkennbare Anordnung. Welche Absicht hinter jedem einzelnen Requisit stand, lässt sich nicht belegen. Sichtbar ist jedoch: Bayard stellte eine Szene zusammen, statt vor seiner Kamera auf ein zufälliges Ereignis zu warten.

1839: Die Fotografie hatte mehrere Anfänge

1839 wurden mehrere fotografische Verfahren öffentlich bekannt. Louis Daguerres Bild auf einer Metallplatte und William Henry Fox Talbots Versuche mit Papier zeigten unterschiedliche Wege. Bayard entwickelte ebenfalls ein eigenes Verfahren: ein direkt positives Bild auf Papier.

Nach Angaben des Metropolitan Museum of Art verfügte Bayard bereits Anfang 1839 über ein funktionierendes Verfahren und stellte im Juli desselben Jahres Fotografien in Paris aus. Er arbeitete daneben als Beamter und nutzte seine freie Zeit für Versuche. Anerkennung und staatliche Förderung erreichten die gleichzeitig tätigen Erfinder jedoch nicht im gleichen Maß.

Man könnte daraus leicht einen Wettlauf machen: Wer hat die Fotografie zuerst erfunden? Die historische Entwicklung ist komplizierter. Gerade deshalb verdient Bayards Selbstporträt Aufmerksamkeit. Er zeigte damit nicht allein eine fotografische Technik, sondern reagierte auf seine eigene Stellung in dieser Geschichte.

Eine Botschaft auf der Rückseite

Auf die Rückseite einer Fassung schrieb Bayard einen längeren, bitter-ironischen Text. Er beschreibt den Mann im Bild als Erfinder, dessen Arbeit nicht anerkannt worden sei und der sich aus Verzweiflung ertränkt habe. Das war eine Inszenierung und ein Protest. Es war kein Bericht über einen wirklichen Todesfall.

Die Forschung des Getty Museum beschreibt drei Fassungen der Szene. Bayard variierte seine Haltung und einzelne Gegenstände. Die schriftliche Klage brachte er auf der Rückseite der letzten Fassung an. Dieser Text ist keine nebensächliche Fußnote. Ohne ihn sehen wir ein irritierendes, inszeniertes Porträt. Mit ihm wird das Bild auch zu einer Aussage darüber, wem zu Beginn der Fotografie Anerkennung zuteilwurde.

Kann die Aufnahme für sich allein alles mitteilen, was Bayard sagen wollte? Hier gehören die Szene vor der Kamera und die Worte auf der Rückseite zusammen. Beide Ebenen verändern unser Verständnis des Werks.

Direktpositiv: das Bild entsteht unmittelbar auf Papier

Bei Bayards Verfahren entstand das positive Bild direkt auf lichtempfindlich gemachtem Papier. Ein gesondertes Negativ, von dem beliebig viele gleiche Abzüge hergestellt werden konnten, war dafür nicht nötig. Frühe fotografische Aufnahmen dauerten lange; die porträtierte Person musste stillhalten. Das Getty Museum erläutert, wie anstrengend die langen Belichtungszeiten in der Anfangszeit waren.

Diese technische Bedingung beeinflusste die Bildgestaltung. Bayard konnte keinen flüchtigen Augenblick einfangen, wie es heute möglich wäre. Er benötigte eine Position, die er lange halten konnte. Der gesenkte Kopf und die geschlossenen Augen passen dazu und tragen zugleich die Erzählung. Technische Grenze und inszenierte Bedeutung greifen ineinander.

Die Société française de photographie datiert das in ihrer Sammlung dokumentierte Autoportrait en noyé auf 1840 und bezeichnet das ursprüngliche Verfahren als Direktpositiv auf Papier. Das ist eine wichtige Unterscheidung: Die Datei, die wir heute im Internet betrachten, ist eine digitale Reproduktion, kein Papierabzug von 1840.

Drei Fassungen statt eines einzigen Augenblicks

Das Getty Museum dokumentiert drei unterschiedliche Bildfassungen des Ertrunkenen. Bayard veränderte seine Pose und einige Elemente der Umgebung. Solche Varianten zeigen, dass fotografische Entscheidungen durch Versuche und Korrekturen entstehen können, nicht allein durch einen einmaligen perfekten Moment.

Je nach Fassung können Kopf, Arme oder Gegenstände stärker wirken. In der hier gezeigten Reproduktion lenken vor allem das Verhältnis von Körper und Hut sowie die Linie des hellen Tuchs den Blick. Das ist eine Beobachtung an dieser Fassung – kein Beweis dafür, dass Bayard allen drei Bildern genau dieselbe Bedeutung geben wollte.

Das Foto zeigt einen reglosen Körper. Erst der Text auf der Rückseite erklärt, weshalb der Künstler diesen Körper so zeigen wollte.

Was kann eine inszenierte Fotografie belegen?

Die Kamera zeichnete Bayards Körper und die vor ihm arrangierten Gegenstände auf. Sie beweist nicht, dass er ertrunken war. Das Posieren fand tatsächlich statt, der Tod gehörte zur erfundenen Geschichte. Diese Unterscheidung nimmt dem Werk nichts von seiner Bedeutung. Sie hilft vielmehr, den Beweiswert einer Fotografie genauer zu beschreiben.

In Folge #15 ging es um Gustave Le Grays Verbindung zweier Negative. Bayard griff anders ein: Er inszenierte die Szene vor der Aufnahme und fügte dem fertigen Bild eine schriftliche Erzählung hinzu. Zwei verschiedene Entscheidungen führen zu einer verwandten Frage: In welchem Sinn ist eine Fotografie eine Spur der Wirklichkeit?

Heute bekommen Bilder innerhalb von Sekunden Titel, Bildunterschriften und Erklärungen. Bayards Werk erinnert daran, diese Ebenen getrennt zu prüfen. Die Verwendung einer Kamera allein macht eine Darstellung noch nicht verlässlich. Wir müssen auch fragen, was vor der Aufnahme geschah und wie das Bild danach präsentiert wurde.

Drei Fragen zum Weiterdenken

Versuch einmal, Sichtbares und Behauptetes auseinanderzuhalten. Was lässt sich in diesem Bild genau beschreiben? Welche Elemente gehören zur bewusst vorbereiteten Szene? Und was erfahren wir erst aus dem rückseitigen Text, aus den Museumsunterlagen und anderen Quellen?

Wenn wir den Titel Le Noyé und den begleitenden Text vorübergehend verdecken, lesen wir Gesicht, Hände und Hut womöglich anders. Mit der Erklärung verändert sich nicht das Bild selbst, wohl aber seine Bedeutung. Genau dieser Abstand ist aufschlussreich.

Quellen und Bildrechte

Werk: Hippolyte Bayard, Le Noyé (Autoportrait en noyé, Selbstporträt als Ertrunkener), 1840. Direktpositiv auf Papier. Eine historische Fassung gehört zur Sammlung der Société française de photographie, SFP 24 POD 269. Die hier gezeigte digitale Reproduktion stammt von Wikimedia Commons; dort ist als Quelle die Digital Library Federation Academic Image Cooperative angegeben. Wir setzen diese Datei nicht ohne Beleg mit einem Scan des konkreten SFP-Exemplars gleich.

Rechte: Bayard starb 1887. Das Werk von 1840 ist deshalb in der Europäischen Union gemeinfrei. Wikimedia Commons kennzeichnet auch die verwendete originalgetreue Reproduktion als gemeinfrei. Für die Weiterverwendung sind immer die Angaben zur konkreten Datei und gegebenenfalls die Nutzungsbedingungen der jeweiligen Sammlung zu prüfen.

 
 
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