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// Hinter den Kulissen. Ein Foto und die Geschichte dahinter!

Fotogeschichte #12 – Anna Atkins: als das Licht das Meer zeichnete

Autorenbild: Bánhalmi Norbert
Bánhalmi Norbert
vor 1 Tag
5 Min. Lesezeit
Anna Atkins Cyanotypie Ulva lactuca, heller Algenabdruck auf blauem Papier.
Anna Atkins, Ulva lactuca, c. 1853. The Metropolitan Museum of Art, 2005.100.557 (142). Public Domain.

Auf einer tiefblauen Buchseite liegt eine fast weiße, unregelmäßige Form. Zunächst könnte man sie für eine botanische Zeichnung halten. Ihre Ränder wirken dünn und ausgefranst, im Inneren wechseln verschiedene helle Töne. Unten steht ein lateinischer Name in Handschrift: Ulva lactuca. Wenn wir genauer hinsehen, erkennen wir die Spur einer echten Meeresalge.

Das Metropolitan Museum of Art schreibt das Werk Anna Atkins zu und datiert es auf etwa 1853. Für dieses Bild brauchte sie kein Kameraobjektiv. Sie legte das Präparat direkt auf lichtempfindliches Papier und belichtete es mit Sonnenlicht. Ein so entstandenes fotografisches Bild nennt man Fotogramm.

Das Blau ist nicht die natürliche Farbe der Alge. Es entsteht durch das Verfahren der Cyanotypie. Dieses Blatt ist ein botanischer Beleg, eine durch Licht entstandene Materialspur und eine sorgfältig angeordnete Bildfläche.

Was zeigt Ulva lactuca?

Ulva lactuca ist eine grüne Meeresalge, auch Meersalat genannt. Die Cyanotypie gibt nicht ihre ursprüngliche Farbe im Wasser wieder. Sie zeigt den Umriss eines bestimmten Exemplars und die Stellen, an denen unterschiedlich viel Licht das präparierte Papier erreichte. Einige Bereiche erscheinen fast weiß, andere lassen feinere Abstufungen erkennen.

Die Alge nimmt nur einen Teil des großen blauen Feldes ein. Der leere Raum ist wichtig für die Wirkung. Aus einiger Entfernung sehen wir eine zusammenhängende Form. Aus der Nähe werden die ungleichmäßigen Kanten und die verschiedenen Strukturen interessant. Die natürliche Gestalt des Präparats und die Entscheidung über seine Platzierung wirken zusammen.

Die kleine Handschrift am unteren Rand ist kein dekorativer Zusatz. Sie benennt den wissenschaftlichen Gegenstand. Ohne sie könnten wir die Form betrachten, ohne zu wissen, welche Alge sie dokumentiert. Mit der Beschriftung wird die Aufnahme Teil einer Reihe von vergleichbaren botanischen Blättern.

Fotografieren ohne Kamera

Sir John Herschel entwickelte die Cyanotypie im Jahr 1842. Das Papier wird mit lichtempfindlichen Eisenverbindungen behandelt. Nach der Belichtung und dem Waschen entstehen in den belichteten Bereichen die charakteristischen tiefblauen Flächen. Wo das Präparat das Licht abschirmt, bleibt das Blatt heller. Durchscheinende Stellen können dazwischenliegende Farbtöne ergeben.

Atkins legte die Alge auf die vorbereitete Papierfläche und setzte sie dem Tageslicht aus. Danach wurde der Bogen mit Wasser behandelt. Ein Objektiv und ein Kameraauslöser sind dafür nicht nötig. Trotzdem erfordert das Verfahren sorgfältige fotografische Arbeit: Kontakt, Belichtungsdauer, Licht und Behandlung des Papiers bestimmen das Ergebnis.

Ein Fotogramm hat eine besonders direkte Verbindung zu seinem Motiv. Das konkrete Objekt gestaltet den Abdruck mit. Vollständig ist diese Information nicht. Natürliche Farbe, Dicke, Zustand und Fundort der Pflanze lassen sich nicht allein aus dem Blatt ablesen. Auch eine Aufnahme durch direkten Kontakt braucht Erklärung.

Ein Buch aus fotografischen Originalblättern

1843 begann Atkins, Photographs of British Algae: Cyanotype Impressions in einzelnen Lieferungen privat zu veröffentlichen. Die Teile wurden in einem Kreis botanisch interessierter Bekannter verbreitet. Das Metropolitan Museum of Art und das Natural History Museum beschreiben die Arbeit als das erste mit Fotografien gedruckte und illustrierte Buch.

Das hier betrachtete Blatt Ulva lactuca ist nach Angaben des Met jünger und stammt ungefähr von 1853. 1843 bezeichnet den Beginn der Buchreihe und nicht das gesicherte Herstellungsjahr dieses einzelnen Abzugs. Die Inventarnummer lautet 2005.100.557 (142).

Atkins breitete die Präparate aus, fertigte die Abzüge selbst an und schrieb ihre wissenschaftlichen Bezeichnungen von Hand. Jedes Exemplar erforderte wiederholte Arbeit. Die erhaltenen Bände sind deshalb nicht wie maschinell hergestellte, vollständig identische Ausgaben eines modernen Buches zu verstehen.

Wissenschaftliche Information und Komposition

Eine botanische Abbildung soll Merkmale so zeigen, dass eine Pflanze erkannt werden kann. Wie das Präparat auf der Seite liegt, spielt dabei eine Rolle. Eine ungünstige Falte könnte gerade jene Kante verdecken, die für einen Vergleich mit anderen Exemplaren wichtig ist.

Achte auf den unregelmäßigen Umriss. Er ist keine symmetrische Verzierung. Wir sehen eine bestimmte, gesammelte Pflanze. Auswahl, Ausbreitung, Abstand zum Seitenrand und Belichtung waren Entscheidungen. Das Ergebnis ist ein wissenschaftlich verwendbares Dokument mit einer klaren visuellen Ordnung.

Zeichnungen, Kupferstiche und ausführliche Beschreibungen hatten in der Naturkunde schon vorher ihren Platz. Das Fotogramm bot eine andere Form des Nachweises: Das untersuchte Objekt selbst beeinflusste das Hell-Dunkel-Muster. Diese unmittelbare Spur ersetzt jedoch weder eine genaue Bestimmung noch den kritischen Vergleich.

Wer hatte Zugang zur Wissenschaft?

Anna Atkins wuchs in einem wissenschaftlich geprägten Umfeld auf. Ihr Vater John George Children war am British Museum tätig. Das Natural History Museum erläutert, wie ihr diese Beziehungen Wissen und Kontakte ermöglichten, die vielen Frauen in der damaligen Berufswissenschaft nicht offenstanden.

Auch die finanziellen Bedingungen gehören zur Geschichte. Das Museum dokumentiert, dass ein Teil des Vermögens der Familie ihres Mannes mit Plantagen in Jamaika und mit britischen Entschädigungszahlungen an frühere Sklavenhalter verbunden war. Davon erzählt der Algenabdruck selbst nichts. Für die Frage, wer Zeit und Mittel für eine langjährige, handgefertigte Publikation hatte, ist dieser Zusammenhang aber relevant.

Zur Geschichte einer Fotografie gehört deshalb mehr als die Nennung des Namens und des Jahres. Man kann auch fragen, wer Zugang zu einem neuen Verfahren, zum wissenschaftlichen Austausch und zu den nötigen Ressourcen hatte.

Was ist belegt und was ist Interpretation?

Im Museumskatalog stehen die Autorin, der Titel, die ungefähre Datierung, das Verfahren und die Maße des Originals: 25,3 mal 20 Zentimeter. Das Metropolitan Museum of Art kennzeichnet das Werk als gemeinfrei. Diese Angaben lassen sich überprüfen.

Wenn wir das Blau als ruhig oder die helle Form als schwebend beschreiben, ist das eine visuelle Deutung. Sie ist nachvollziehbar, wenn wir ihre Grundlage am Bild zeigen. Was Atkins bei der Belichtung genau empfunden hat, können wir daraus nicht ableiten. Eine erfundene persönliche Erinnerung wäre keine historische Erklärung.

> Die Pflanze gab den Umriss vor, das Licht hielt ihn fest. Die Anordnung auf der Seite beeinflusst zusätzlich, welchen Weg unser Blick nimmt.

Eine dokumentarische Aufnahme verliert nicht schon deshalb an Wert, weil ein Mensch gestalterische Entscheidungen getroffen hat. Entscheidend ist, zwischen der materiellen Spur, der Darstellung und späteren Interpretationen unterscheiden zu können.

Was lässt sich heute daraus lernen?

Bei digitalen Aufnahmen lesen wir die Farbe häufig als Eigenschaft des fotografierten Gegenstands. Hier ist das Blau das Ergebnis einer chemischen Reaktion. Auch die helle Form entstand nicht durch eine optische Projektion, sondern durch Kontakt und unterschiedliche Lichtdurchlässigkeit. Dieses Wissen verändert, was wir aus dem Bild schließen dürfen.

Im vorherigen Teil über Roger Fentons Straße auf der Krim (https://blog.banhalmi.art/de/post/roger-fenton-valley-shadow-death-1855-de) ging es um die Spuren, die Objekte in einer Landschaft hinterließen. Bei Atkins gestaltete der Gegenstand die fotografische Spur selbst. Beide Werke erinnern uns daran, dass die sichtbare Information und ihre historische Erklärung nicht dasselbe sind.

Schau noch einmal auf die Alge, das tiefe Blau und die kleine Beschriftung. Welche Details lassen sich unmittelbar erkennen? Und für welche Fragen brauchen wir die Beschreibung des Verfahrens oder den Museumskatalog?

Quellen und Bildrechte

- The Metropolitan Museum of Art – Ulva lactuca (https://www.metmuseum.org/art/collection/search/291638): Anna Atkins, ca. 1853, Cyanotypie, 2005.100.557 (142), Public Domain.

- The Met – Photographs of British Algae (https://www.metmuseum.org/art/collection/search/286656): Veröffentlichung zwischen 1843 und 1853.

- Natural History Museum, London (https://www.nhm.ac.uk/discover/anna-atkins-cyanotypes-the-first-book-of-photographs.html): botanischer, technischer und sozialgeschichtlicher Hintergrund.

- New York Public Library (https://www.nypl.org/events/exhibitions/galleries/visual-world/item/4105): Geschichte des fotografischen Buches.

Vorgesehenes Bild: Anna Atkins, Ulva lactuca, ca. 1853, The Metropolitan Museum of Art, Open Access / Public Domain. Das Originalwerk darf nach der Museumsregelung wiederverwendet werden. Der Import der Reproduktion in Wix wurde jedoch zweimal von Sicherheitsprüfungen blockiert. Ohne das Originalbild nicht veröffentlichen.

 
 
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