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// Hinter den Kulissen. Ein Foto und die Geschichte dahinter!

Fotogeschichte #11 – Roger Fenton: eine Straße ohne Menschen

Autorenbild: Bánhalmi Norbert
Bánhalmi Norbert
vor 3 Tagen
5 Min. Lesezeit
Ein kurviger Feldweg führt zwischen kahlen Hängen durch ein Tal auf der Krim. Auf der Straße und am Wegrand liegen dunkle Kanonenkugeln; Menschen sind nicht zu sehen.
Roger Fenton: The Valley of the Shadow of Death, 1855. Salzpapierabzug; Library of Congress, Fenton Crimean War Photographs, LC-DIG-ppmsca-35546. Gemeinfrei.


Eine Straße verläuft zwischen kahlen Hängen. Im Vordergrund liegen kleine runde Gegenstände. Der Weg führt weit ins Tal, doch kein Mensch ist zu sehen. Keine Soldaten, keine Reiter, keine Schlacht. Wenn wir genauer hinsehen, lassen sich die dunklen Punkte als Kanonenkugeln erkennen. Die Straße wirkt plötzlich nicht mehr leer.

Roger Fenton fotografierte die Szene 1855 während des Krimkriegs. Das Bild ist unter dem Titel The Valley of the Shadow of Death bekannt, auf Deutsch etwa Das Tal des Todesschattens. Die Library of Congress besitzt einen Salzpapierabzug, auf dem Kanonenkugeln auf der Straße und am Wegrand liegen. Ein Abzug im Getty Museum ist auf den 23. April 1855 datiert.

Die Wirkung der Aufnahme hängt auch davon ab, was wir nicht sehen. Die menschenleere Landschaft erzählt aber nicht von selbst, was vor und nach der Belichtung geschehen ist.

Die Straße führt den Blick

Schau dir die Linienführung an. Die Wegränder beginnen unten im Bild und laufen zur Mitte des Tales. Mit zunehmender Entfernung rücken sie scheinbar zusammen. So folgt der Blick fast unwillkürlich der Straße in die Tiefe. Bewegung ist zu spüren, obwohl sich im Bild nichts bewegt.

Die Hänge sind niedrig und karg. Es gibt wenig, was den Blick ablenkt. Deshalb kehren die Augen immer wieder zum Boden zurück. Dort liegen dunkle, runde Formen. Vorn sind sie deutlich, weiter hinten werden sie zu kleinen Punkten. Ohne Kontext könnte man manche zunächst für Steine halten. Der Katalog der Library of Congress identifiziert sie als Kanonenkugeln.

Wir sehen weder die Kanonen noch die Menschen, die sie abgefeuert haben. Auch eine Explosion ist nicht zu erkennen. Die Fotografie zeigt Spuren. Die Lage der Gegenstände, der offene Weg und die räumliche Tiefe tragen die Erzählung.

Warum sehen wir keine Kampfhandlung?

Fotografieren bedeutete 1855 einen erheblichen technischen Aufwand. Fenton nutzte das nasse Kollodiumverfahren mit Glasnegativen. Die Platten mussten kurz vor der Aufnahme vorbereitet und noch feucht entwickelt werden. Dafür brauchte er Chemikalien und eine Dunkelkammer in unmittelbarer Nähe.

Fenton ließ einen ehemaligen Weinhändlerwagen zur mobilen Dunkelkammer umbauen. Das Science Museum Group besitzt eine Fotografie dieses Wagens mit seinem Assistenten Marcus Sparling. Geräte, Glasplatten, Hitze und Staub erschwerten die Arbeit. Ein flüchtiger Kampf ließ sich damit nicht so aufnehmen, wie es heute mit einer Digitalkamera möglich wäre.

Technische Grenzen sind allerdings nicht die ganze Erklärung. Die Library of Congress beschreibt auch die kommerzielle Publikationsabsicht, die königliche Unterstützung und den staatlichen Rückhalt. Das Publikum erwartete bestimmte Bilder vom Krieg. Was aufgenommen und später verbreitet wurde, hing auch von diesen Rahmenbedingungen ab.

Zwei Negative desselben Ortes

Von dieser Ansicht existieren zwei Aufnahmen. Auf der einen liegen Kanonenkugeln mitten auf der Straße. Auf der anderen ist die Fahrbahn deutlich freier, während die Kugeln vor allem am Rand zu sehen sind. Es handelt sich um zwei getrennte Belichtungen und nicht um eine nachträgliche digitale Bearbeitung.

Daraus entstand eine Diskussion, die bis heute geführt wird. Hat jemand die Kugeln bewegt, um die Szene dramatischer wirken zu lassen? Welche Aufnahme entstand zuerst? Der Dokumentarfilmer Errol Morris untersuchte kleine Unterschiede im Gelände und schlug eine Reihenfolge vor. Andere Deutungen sind zurückhaltender. Das Musée d’Orsay hält eine absichtliche Inszenierung angesichts der Gefahr vor Ort für unwahrscheinlich.

Dass die beiden Negative existieren, ist belegt. Warum Gegenstände zwischen den Aufnahmen anders lagen, lässt sich dagegen nicht allein aus den Bildern ablesen. Eine bewusste Anordnung ist denkbar. Auch andere Vorgänge am Ort könnten etwas verändert haben. Eine plausible Vermutung ist noch kein Nachweis einer Absicht.

Der Titel verändert die Wahrnehmung

Der Titel The Valley of the Shadow of Death greift eine biblische Formulierung auf. Britische Soldaten bezeichneten ein vom Artilleriefeuer bedrohtes Gebiet mit einem ähnlichen Namen. Schon bevor wir die Kanonenkugeln erkennen, macht uns der Titel auf Gefahr und Verlust aufmerksam.

Dabei ist eine Unterscheidung wichtig. Fentons Straße darf nicht ohne Weiteres mit dem Tal des berühmten Angriffs der Leichten Brigade bei Balaklawa im Jahr 1854 gleichgesetzt werden. Historische Quellen unterscheiden die Wege. Ein ähnlicher Name beweist keinen identischen Ort.

Ohne den Titel könnte die Aufnahme zunächst wie eine ungewöhnlich leere Landschaft wirken. Mit Titel und Datum wird sie zu einem Bild aus dem Krieg. Beides gehört zur Geschichte der Fotografie. Der Titel ist aber eine historische Angabe, die wir ebenso prüfen sollten wie die Ortsbestimmung.

Ein Dokument mit Grenzen

Wir wissen aus der Aufnahme nicht, wer eine bestimmte Kugel abgefeuert hat oder wann sie auf die Straße gelangte. Das Bild zeigt keinen konkret datierbaren Einschlag und keinen Kampf in Bewegung. Es dokumentiert den sichtbaren Zustand eines Ortes zum Zeitpunkt der Belichtung.

Gerade diese Grenze ist wichtig. Eine sichtbare Spur kann sehr genau sein, ohne den gesamten Vorgang zu erklären. Briefe, Karten, Berichte und Museumskataloge helfen, den Ort einzuordnen. Auch diese Quellen müssen kritisch gelesen werden: Wer hat etwas beobachtet, und was wurde erst später hinzugefügt?

Die Kugeln auf der Straße sind sichtbar. Die Geschichte der Kämpfe setzt sich außerhalb des Bildrahmens fort. Das eine zu sehen bedeutet nicht, das andere vollständig zu kennen.

Was würde ein anderer Ausschnitt verändern?

Stell dir vor, die Aufnahme würde nur die nächstgelegenen Kugeln zeigen. Ihre Formen wären deutlicher, aber die lange Straße und das Gefühl von Entfernung gingen verloren. Gerade die Linie des Weges macht hier aus einzelnen Gegenständen eine räumliche Erfahrung.

Aus einer größeren Distanz könnten die Kugeln dagegen kaum noch erkennbar sein. Dann würden wir eher eine Landschaft sehen. Fentons Ausschnitt hält zwei Maßstäbe zusammen: die Weite des Ortes und die kleinen, greifbaren Spuren darin.

Das beweist keine historische These. Es zeigt aber, wie die Komposition unseren Blick lenkt. Bevor wir einen Begleittext lesen, hat das Bild bereits entschieden, welche Details wir vergleichen können.

Was bleibt für die Gegenwart?

Auch heutige Bilder von Krieg oder Katastrophen werden häufig über sichtbare Ereignisse erzählt. Doch eine verlassene Straße, ein beschädigtes Zimmer oder ein zurückgelassener Gegenstand kann andere Informationen vermitteln. Solche Aufnahmen zeigen, was nach einem Ereignis geblieben ist.

Im vorigen Teil stand bei Lewis Hines Foto von Sadie Pfeifer die Verbindung zwischen sichtbarer Person und überprüfbarer Bildlegende im Mittelpunkt. Bei Fenton begegnen wir keiner identifizierbaren Person. Hier geht es um die Frage, was eine menschenleere Landschaft als Dokument leisten kann – und wo weitere Belege notwendig sind.

Schau noch einmal bis zum Ende der Straße. Wir sehen Spuren und eine Landschaft. Was können wir damit sicher sagen? Und ab welchem Punkt müssen wir andere Quellen hinzunehmen?

Quellen und Bildrechte

Library of Congress — The valley of the shadow of death, 1855: https://www.loc.gov/item/2001698869/: Sammlungsdatensatz, Verfahren, Reproduktion und Rechtehinweis.

Library of Congress — Fenton's Crimean War Photography: https://www.loc.gov/pictures/collection/ftncnw/background.html: Auftrag und historische Arbeitsbedingungen.

Royal Collection Trust — Valley of the Shadow of Death: https://albert.rct.uk/collections/photographs-collection/record-of-historical-events/valley-of-the-shadow-of-death: Datierung auf den 23. April 1855 und Objektbeschreibung.

Science Museum Group — Roger Fenton's Photographic Van: https://collection.sciencemuseumgroup.org.uk/objects/co8347153/roger-fentons-photographic-van: mobile Dunkelkammer und Marcus Sparling.

J. Paul Getty Museum — All the Mighty World: Roger Fenton: https://www.getty.edu/art/exhibitions/fenton/: Hintergrund zur Krim-Serie.

Musée d’Orsay — The Valley of the Shadow of Death: https://www.musee-orsay.fr/en/artworks/valley-shadow-death-134407: eine institutionelle Position zur Debatte über mögliche Inszenierung.

Bildrechte: Die Library of Congress führt die Sammlung der Fenton-Krimkriegsaufnahmen als gemeinfrei und frei nutzbar; beim einzelnen Werk steht „No known restrictions on publication“. Als einzige Hero-, Cover- und erste Inhaltsabbildung ist die 1024×831-Pixel-JPEG-Reproduktion des LOC-Originalabzugs vorgesehen. Keine nachträgliche Kolorierung oder Rekonstruktion.

 
 
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