Wenn es scheinbar nicht mehr tiefer geht
- Tavasz Adél (36)

- vor 4 Tagen
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 9 Stunden
Auf diesem Blog haben wir bereits die Geschichte einer Frau gelesen, der der Boden unter den Füßen weggezogen wurde und die nun mit aller Kraft versucht, aus ihrem Loch herauszuklettern und nicht aufzugeben.
Etwas Ähnliches ist auch mir passiert.
Diese Geschichte möchte ich heute mit euch teilen.
Ich war 21, als ich mit meinem früheren Verlobten zusammenkam.
Es war eine große Liebe.
Bis heute erscheint er manchmal in meinen Träumen, obwohl wir seit sechs Jahren getrennt sind.
Wir zogen schnell zusammen.
Zuerst in eine Mietwohnung.
Später kauften wir ein kleines Haus mit Garten in einer größeren Provinzstadt.
Es gab keine Zentralheizung, nur einen Festbrennstoffkessel.
Keine asphaltierte Straße.
Die Innenstadt war weit entfernt.
Und trotzdem liebte ich dieses Zuhause.
Es war unser kleines Haus.
Mein Partner machte mir einen Heiratsantrag.
Ich dachte, nach dem Studium könnte dann ein Baby kommen.
Als ich mein Studium abgeschlossen hatte, dachte ich plötzlich:
Vielleicht warten wir doch noch etwas.
Langsam verschwand die Liebe.
Wir waren beide noch sehr jung und entfernten uns immer weiter voneinander.
Er flüchtete in das Trinken mit seinen Freunden.
Ich fand Trost im Tanzen.
Nach siebeneinhalb Jahren beschlossen wir, nicht länger zusammenleben und keine gemeinsame Zukunft mehr planen zu wollen.
Schon längere Zeit war hauptsächlich ich diejenige gewesen, die sagte:
So kann es nicht weitergehen.
Du musst dich verändern.
Heute sehe ich natürlich, dass auch ich mehr hätte tun müssen, statt nur darauf zu warten, dass er etwas verändert.
Am Ende fand er eine neue Liebe.
Und sagte mir, dass er bald ausziehen würde.
Die Trennung war unglaublich schmerzhaft.
Auch für ihn.
Einmal weinte er eine ganze Nacht lang.
Natürlich war es auch für mich sehr schwer.
Die Erkenntnis, ihn nun wirklich verlieren zu können, entfachte meine Gefühle erneut.
Aber da gab es keinen Weg zurück.
Nachdem er ausgezogen war, blieb ich allein in unserem Haus.
Früher oder später mussten wir es verkaufen, denn es lag noch ein Kredit darauf.
Einige Monate fühlte ich mich erstaunlich gut.
Frei.
Dann brach die Einsamkeit über mich herein.
Und die Frage:
Was wird jetzt aus mir?
Ich hatte vorher noch nie allein gelebt.
Ich wusste nicht, wohin ich gehen sollte, wenn das Haus verkauft würde.
Und ich konnte mir kaum vorstellen, dass unser geliebtes kleines Haus irgendwann jemand anderem gehören sollte.
Musste ich jetzt wirklich alles von vorn beginnen?
Ich wollte das nicht.
Von meinen Eltern hatte ich als Kind gelernt, dass Depression offenbar eine mögliche Flucht ist.
Also wählte ich ebenfalls diesen Weg.
Langsam zerstörte ich mich selbst.
Bei 178 cm Körpergröße wog ich nur noch 53 Kilo.
Und ich entschied:
Ich will nicht leben.
Ich will nicht wieder bei null anfangen.
Hilfe wollte ich nicht.
Nicht zum Arzt.
Keine Medikamente.
Doch weil ich kaum aß und nicht schlafen konnte, begann auch mein Kopf nicht mehr richtig zu funktionieren.
Nach einem Zusammenbruch am Arbeitsplatz brachte mich mein Bruder in die Psychiatrie.
Dort behielten sie mich.
Dieses Muster dauerte ein Jahr.
Rein in die Psychiatrie.
Wieder raus.
Sogar meinen Arbeitsplatz verlor ich deshalb.
In mir waren unendlich viel Selbstmitleid und Egoismus.
Ich glaubte nicht daran, dass Medikamente mich gesund machen würden.
Und vor allem:
Ich wollte gar nicht gesund werden.
Bis heute glaube ich nicht, dass die Medikamente allein mich geheilt haben.
Irgendwann beschloss ich einfach:
Es reicht.
Ich wollte endlich, dass es mir besser geht.
Von diesem Punkt an begann langsam die Besserung.
Im Internet lernte ich einen Mann aus Budapest kennen.
Innerhalb kurzer Zeit zog ich zu ihm in die Hauptstadt und fand auch schnell Arbeit.
Unsere Beziehung hielt nur einige Monate.
Trotzdem bin ich ihm bis heute dankbar.
Er blieb an meiner Seite, obwohl er sah und wusste, wie es mir ging.
Oft zitterte noch meine Hand, wenn ich Zucker in meinen Kaffee gab.
Nach unserer Trennung mietete ich ein Zimmer in einer Wohngemeinschaft.
Das ist inzwischen fast fünf Jahre her.
Heute lebe ich allein.
Ich habe eine gute Arbeit, die ich mag.
Und warte darauf, dass irgendwann der richtige Partner für mich auftaucht.
Seitdem gab es weitere kleinere und größere Schwierigkeiten.
Aber ich habe beschlossen:
Noch einmal lasse ich mich nie so tief fallen.
Ich darf das nicht.
Natürlich steckt Angst in mir.
Meine Mutter lebt in einem Heim für Menschen mit psychiatrischen Erkrankungen.
Mein Vater starb durch Suizid.
Aber das ist ihre Geschichte.
Ich muss etwas dafür tun, dass meine anders wird.
Dabei helfen mir meine Freunde sehr.
Sie stehen hinter mir, wenn ich sie brauche, und halten mir häufig einen Spiegel vor.
Und ich schäme mich auch nicht mehr, professionelle Hilfe zu suchen, wenn ich merke, dass ich etwas allein nicht einordnen oder verarbeiten kann.
Was ich sehr bedaure:
Damals habe ich meiner Familie viel Schmerz und Sorge zugemutet, weil ich nicht aus dem Loch herauskommen wollte.
Dabei gibt es einen Weg hinaus.
Man muss ihn nur wirklich wollen.
(Das Titelbild dient als Illustration.)
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