
Meilensteine – die Geschichte einer Ausstellung!
- Bánhalmi Norbert

- vor 4 Tagen
- 6 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 9 Stunden
Seit fast drei Wochen arbeiten wir intensiv an einer Porträtfotoausstellung über Ungarn, die nach der Revolution von 1956 ausgewandert sind.
Jetzt ist der Moment gekommen, unsere bisherige Arbeit zusammenzufassen.
Der Titel des Blogs verrät bereits unser Hauptziel:
„Die Geschichte einer 1956er Porträt- und Lebensweg-Ausstellung in New York.“
Damit ihr besser versteht, warum uns dieses Projekt so wichtig ist, muss ich in meinem eigenen Leben einige Jahre zurückgehen.
Leider leben meine Großeltern nicht mehr.
Erst danach wurde mir bewusst, wie wertvoll es gewesen wäre, all ihre Geschichten auf Video festzuhalten und für spätere Generationen zu bewahren.
Was sie erlebt haben, ist ein unglaublicher Schatz an Erfahrung.
Die meisten von uns wissen nicht wirklich, was Krieg bedeutet.
Oder was es heißt, alles noch einmal von vorn aufzubauen.
Manche wissen es natürlich.
Am Anfang dachte ich lediglich an eine Porträtausstellung über 1956 hier in New York.
New York kenne ich inzwischen relativ gut.
Ich hatte bereits eine Fotoausstellung im Hungarian House of New York.
Bei der Umsetzung bekam ich sehr viel Hilfe von dessen Direktorin Ildikó Nagy und von hier lebenden Ungarn.
Vor fast einem Jahr kontaktierte ich Ildikó erneut mit meiner Idee einer 1956er Porträtausstellung.
Sie entwickelte das Konzept sehr präzise weiter.
Gemeinsam begannen wir, einen Plan aufzubauen.
Im Mai hatte ich außerdem die Gelegenheit, mich persönlich bei Botschafter Ferenc Kumin, dem ungarischen Generalkonsul in New York, vorzustellen.
Nach Abstimmung mit Ildikó nahm er unsere Veranstaltung in das offizielle New Yorker Gedenkprogramm zu 1956 auf.
Als ich am 12. September ankam, waren noch viele Fragen offen.
Wie genau sollten wir unsere Idee umsetzen?
Schon früh war uns klar, dass reine Porträts allein zu wenig wären.
Wenn möglich, wollten wir zusätzlich einen Videokollegen und einen Journalisten mitbringen.
Wir wollten Menschen besuchen, die sich noch stark als Ungarn verstehen, die Sprache bewahrt und beispielhafte Lebenswege gegangen sind.
Ihre Geschichten sollten in mehreren Formen dokumentiert werden.
Finanziell ließ sich dieser ursprüngliche Plan leider nicht realisieren.
Am Ende kam ich allein.
Sechs Wochen Unterkunft, Verpflegung und Reisen für zwei weitere Personen waren einfach nicht finanzierbar.
Doch manchmal kommt Hilfe aus einer unerwarteten Richtung.
Seit dem 1. September arbeitet der Journalist Gergely Szilvay im Rahmen eines neunmonatigen Stipendiums im Hungarian House.
Am 13. September entstand das Team des Projekts „Meilensteine“. :)
Wir planten die Ausstellung neu.
Mit drei Fachleuten konnten wir sofort mehr verwirklichen, als ursprünglich gedacht.
Als Projektleiterin organisierte Ildikó Nagy die Interviews und die gesamte Logistik.
Sowohl sie als auch Gergely Szilvay verfassen Texte für die Ausstellung.
Neben jedem Porträt wird eine kurze Vorstellung und eine Geschichte über die dargestellte Person stehen.
Jeden fotografieren wir mit einem Gegenstand, der für ihn eine besondere Bedeutung hat.
Das kann ein Erinnerungsstück aus dem Jahr 1956 sein.
Oder ein Symbol für späteren Erfolg:
Ein Buch.
Ein Zeitungsartikel.
Ein Foto eines Traums, der Wirklichkeit wurde.
Wir reisen sehr viel.
Der Bundesstaat New York ist groß und unsere Gesprächspartner leben nicht unbedingt im Zentrum.
Gleichzeitig haben wir die Idee eines geschnittenen Dokumentarfilms nicht aufgegeben.
Ich stelle meine Kamera auf ein Stativ und nehme die Gespräche auf.
Sie dauern häufig drei oder vier Stunden.
So bleibt auch das vollständige Material für spätere Generationen erhalten.
Die besten Geschichten jeder Person werden wir separat veröffentlichen.
Gergely Szilvay erstellt aus den Interviews Artikel, die voraussichtlich ab kommender Woche auf Mandiner erscheinen.
In einige Interviews konntet ihr bereits live hineinsehen.
Die Gespräche mit István, Zoltán, György und Éva sind über die Links auf ihren Namen abrufbar.
Damit endet das Projekt noch lange nicht.
Nach den ersten beiden Interviews dachten wir:
Wenn die Geschichten weiterhin so stark sind, sollten wir aus den Gesprächen vielleicht ein Buch für das nächste Jubiläum machen.
Das klingt möglicherweise sehr ambitioniert.
Aber glaubt mir:
Wir wissen, was wir uns vorgenommen haben.
Und ich habe das Gefühl, dass wir auf dem richtigen Weg sind.
Bis zur Eröffnung bleiben nur noch 21 Tage.
Gestern haben wir bereits den Ausstellungsort im Hungarian House besichtigt und überlegt, wie wir die Präsentation möglichst schön gestalten können.
Zusätzlich bitten wir unsere Interviewpartner um persönliche Erinnerungsstücke.
Sie werden in einer Vitrine neben der Ausstellung zu sehen sein.
Einige Beispiele sind die persönlichen Gegenstände auf den Fotos oben.
Solche Dinge bekamen Flüchtlinge 1956 bei ihrer Ankunft von der damaligen US-Regierung.
Einer unserer Gesprächspartner besitzt ein riesiges Archiv.
Für diesen Blog habe ich einige Stücke daraus ausgewählt.
Genug zur „kurzen“ Einleitung.
Ich möchte nun zusammenfassen, was wir in den ersten acht Interviews über die Emigration gehört haben.
Die Revolution von 1956 wurde zu einem großen Teil von jungen Intellektuellen getragen, die mit dem damaligen System unzufrieden waren.
Die Freude über die Freiheit hielt nur kurze Zeit.
Dann rückten sowjetische Truppen ein.
Intellektuelle Familien wurden verfolgt.
Die Menschen hatten kaum echte Möglichkeiten.
Ihnen wurde gedroht, dass ein Fluchtversuch auch ihre Familien gefährden könnte.
Wenn sie blieben, drohten Gefängnis, Armut oder völlige Entrechtung.
Viele sahen nur einen Ausweg:
Über Österreich.
Zahlreiche Menschen flohen mit dem Zug.
Mehrere Geschichten beschreiben, dass Zugpersonal in abgelegenen Gebieten noch vor sowjetischen Kontrollen hielt und die Reisenden warnte:
Das sei praktisch die letzte Möglichkeit auszusteigen.
Dort gab es häufig nicht einmal einen Bahnhof.
Die Menschen stiegen einfach aus.
Ein Fluchthelfer zeigte die Richtung zur Grenze.
Und alle gingen los.
Das Gelände war teilweise sumpfig und voller schwieriger Felder.
Menschen krochen oder bewegten sich mehrere Kilometer möglichst unauffällig, weil die Grenzkontrolle bereits gefährlich geworden war.
Viele starben auf diesem Abschnitt.
Auf Bewegungen wurde geschossen.
Teilweise mit Leuchtspurmunition.
Niemand wusste genau, wo die Grenze verlief.
Man hoffte einfach, irgendwann auf der anderen Seite anzukommen.
Viel Gepäck hatte niemand.
Viele hatten fast alles verkauft oder an Fluchthelfer abgegeben.
Wer die Grenze nach Österreich schaffte, bekam häufig sofort Lebensmittel.
Freiwillige patrouillierten an den Grenzregionen und halfen den flüchtenden Ungarn.
Durch die Erzählungen erfuhren wir sehr viel über die Menschlichkeit österreichischer Helfer.
In der ersten Nacht wurden Flüchtlinge häufig in Schulen untergebracht.
Sie bekamen Kleidung.
Danach konnten sie entscheiden, in welchem Land sie ihr Leben fortsetzen wollten.
Wie heute gab es auch damals Quoten.
Nicht jeder durfte in die Vereinigten Staaten.
Viele gingen nach Deutschland, Kanada oder in die USA.
Innerhalb weniger Wochen fanden zahlreiche Menschen Arbeit.
Viele Auswanderer waren gut ausgebildete Ungarn.
Die meisten sprachen irgendeine Fremdsprache.
Englisch beherrschten dennoch nur wenige sicher.
Familien reisten häufig per Flugzeug.
Alleinstehende kamen öfter mit dem Schiff.
Schiffe und Flugzeuge brachten ständig neue Menschen.
Wir haben sehr viel Material darüber, wie es war, in unterschiedlichen Städten anzukommen.
Ich möchte hier jedoch einen bestimmten Moment hervorheben:
Die Ankunft mit dem Schiff in New York.
Wie fühlte es sich an, zum ersten Mal die Freiheitsstatue zu sehen?
Fast alle beschrieben eine Mischung aus gewaltigem Heimweh und großer Aufregung.
Viele konnten kaum Englisch.
Kraft gab vor allem der Gedanke:
Hier kann uns niemand mehr etwas antun.
Für viele wurde in diesem Moment aber auch endgültig klar:
Ein einfaches Zurück nach Hause gab es nicht mehr.
Damals entstanden in New York ungarische Organisationen, die den Flüchtlingen von 1956 halfen.
Mit dem Präsidenten einer solchen Organisation haben wir ebenfalls gesprochen.
Einige dieser Gruppen waren von Ungarn gegründet worden, die bereits 1948 emigriert waren.
Sie fuhren zu Schiffen und Flughäfen.
Empfingen die Neuankömmlinge.
Halfen beim Einleben.
Später entstanden ähnliche Gemeinschaften auch in anderen Städten und Bundesstaaten.
Hier möchte ich kurz stehen bleiben.
Leider wirken Ungarn heute weltweit nicht immer besonders solidarisch miteinander.
Gerade deshalb sind diese Geschichten so wertvoll.
Die älteren Menschen, die wir interviewen, sind im Geist erstaunlich jung geblieben.
Von ihrem Zusammenhalt kann man sehr viel lernen.
Zurück zu ihren Erfahrungen:
Wer technisch, naturwissenschaftlich oder in ähnlichen Berufen arbeitete, fand häufig besonders schnell eine Stelle.
Trotzdem war die Eingliederung schwierig.
Die Löhne waren niedrig.
Die Wohnverhältnisse einfach.
Vielleicht war genau deshalb ein eigenes Haus für viele das erste große Ziel.
Dafür mussten sie jahrelang hart arbeiten.
Doch Sicherheit gab Kraft.
Die gemeinsame Vergangenheit und das gemeinsame Schicksal schweißten die Menschen zusammen.
Viele Gesprächspartner sagen heute, wie glücklich sie sich schätzen.
Sie möchten kaum darüber nachdenken, wie ihr Leben ausgesehen hätte, wenn sie geblieben wären.
Natürlich gab es vermutlich auch Konflikte untereinander.
Doch genau das war nicht unser Schwerpunkt.
Ein weiteres häufiges Thema:
Schul- und Hochschulabschlüsse nachzuweisen war schwierig, wenn die Dokumente nicht mitgenommen worden waren.
In vielen Fällen konnten Zeugnisse oder Diplome später aus Ungarn per Post geschickt werden.
Menschen, die ins Ausland schrieben, wurden überwacht.
Kommunikation musste oft heimlich erfolgen.
Wir haben dazu eine besonders gute Geschichte über die Flucht einer jungen Frau.
Ich glaube, sie wird euch gefallen.
Viele konnten erst nach dem Systemwechsel wieder erstmals nach Ungarn reisen.
Bis heute haben einige starkes Heimweh, besonders wenn noch Familie dort lebt.
Die Kinder fast aller Gesprächspartner lernten Ungarisch.
Wenn möglich, kehrten die Familien jedes Jahr zu Besuch zurück.
Bei den Enkeln wurde es jedoch deutlich schwieriger, die Sprache weiterzugeben.
Viele der nächsten Generation heirateten amerikanische Partner, und Englisch wurde im Alltag dominanter.
Auch das nächste Bild trägt eine wichtige Geschichte in sich.
Die könnt ihr bald lesen. :)
Diese Gespräche sind nicht leicht.
Wir sprechen über viele Themen, die bis heute emotional empfindlich sind.
Deshalb werden wir die vollständigen Interviews nicht als komplette Videos veröffentlichen.
Die interessantesten und wichtigsten Geschichten aber ganz sicher.
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