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// Hinter den Kulissen. Ein Foto und die Geschichte dahinter!

Fotogeschichte #09 – Edwin S. Porter: als der Bandit auf das Publikum zielte

Autorenbild: Bánhalmi Norbert
Bánhalmi Norbert
vor 7 Tagen
3 Min. Lesezeit
Ein Bandit mit Schnurrbart und breitkrempigem Hut richtet in einer Nahaufnahme aus Edwin S. Porters Film von 1903 einen Revolver direkt auf die Kamera.
Edwin S. Porter: The Great Train Robbery (1903). Filmstandbild mit Justus D. Barnes. Quelle: Wikimedia Commons. Public Domain.


Ein Mann beugt sich zur Kamera. Sein breitkrempiger Hut, der Schnurrbart und das gemusterte Halstuch sind deutlich zu erkennen. Dann hebt er den Revolver und zielt direkt auf uns. Wer nur dieses Standbild sieht, kennt die Vorgeschichte nicht. Die Geste versteht man trotzdem sofort: Der Abstand zwischen Leinwand und Publikum scheint für einen Moment zu verschwinden.

Die Einstellung stammt aus Edwin S. Porters The Great Train Robbery von 1903. Den Banditen spielt Justus D. Barnes. Schon als einzelnes Bild funktioniert die Szene, weil der Blick, der ausgestreckte Arm und der Lauf der Waffe in dieselbe Richtung weisen: genau auf die Kamera.

Im vorigen Teil machte Georges Méliès den Mond zu einem Gesicht. Porter beschäftigte eine andere Frage. Wie lassen sich getrennt aufgenommene Handlungen so anordnen, dass wir eine Geschichte über mehrere Schauplätze hinweg verstehen?

Aus einzelnen Einstellungen entsteht eine Handlung

Der Film wurde im Dezember 1903 von der Edison Manufacturing Company veröffentlicht. Die Library of Congress führt Porter als Beteiligten an Produktion und Kameraarbeit, nennt aber auch weitere Mitwirkende. Ein Teil der Szenen entstand in einem New Yorker Studio, andere Aufnahmen wurden in New Jersey gedreht. Da erhaltene Fassungen unterschiedlich lang sein können, ist eine Laufzeit von ungefähr zwölf Minuten genauer als eine scheinbar exakte Minutenzahl.

Zu Beginn zwingen Räuber einen Telegrafisten, einen Zug anhalten zu lassen. Es folgen der Überfall, die Flucht und die Verfolgung. Die Figuren wechseln die Orte, und das Publikum muss die voneinander getrennt aufgenommenen Bilder miteinander verbinden.

Das American Film Institute beschreibt eine Folge von vierzehn Szenen. Entscheidend ist weniger diese Zahl als die Gestaltung. Jede neue Einstellung verändert unser Verständnis der vorherigen. Der Schnitt ist hier nicht bloß eine Pause zwischen zwei Bildern. Er trägt die Erzählung.

Was der Standort der Kamera verändert

Achte auf die unterschiedlichen Entfernungen. Eine weite Einstellung zeigt den Zug und seine Umgebung. In einer näheren Einstellung werden eine Bewegung oder ein Gesicht wichtiger als der Raum dahinter. An anderen Stellen befindet sich die Kamera auf dem fahrenden Zug. Das MoMA beschreibt außerdem Doppelbelichtungen, mit denen bewegte Landschaft vor einem Fenster sichtbar gemacht wurde. In manchen erhaltenen Kopien wurden einzelne Elemente von Hand koloriert.

Diese Mittel waren nicht alle neu. Die Stärke des Films liegt darin, wie sie zusammenwirken. Eine Totale hilft bei der Orientierung. Eine nähere Einstellung sagt uns, worauf wir achten sollen.

Sobald zwei Einstellungen aufeinanderfolgen, kommt eine weitere Entscheidung dazu: Welches Bild sehen wir als Nächstes? Genau daraus entsteht ein Teil der Erzählung.

Plötzlich sind wir selbst angesprochen

Die Einstellung mit dem Revolver unterscheidet sich von der eigentlichen Verfolgung. Der Bandit richtet seine Aufmerksamkeit nicht auf eine andere Figur in der Handlung. Er blickt an die Stelle, an der im Kino das Publikum sitzt.

Es wäre ungenau, Porter als Erfinder der Nahaufnahme oder der filmischen Erzählung zu bezeichnen. Es gab Vorläufer. Interessanter ist, wie dieser Film eine längere Handlung durch Bildfolgen verständlich macht und anschließend unsere Rolle als Zuschauer kurz verändert.

Für die Fotografie liegt darin eine einfache Beobachtung. Derselbe Mensch kann auf einem Bild völlig anders wirken, je nachdem, aus welcher Entfernung, aus welcher Richtung und in welchem Zusammenhang er gezeigt wird.

Der Bildausschnitt ist eine Entscheidung. In einer Serie verändert auch die Reihenfolge die Bedeutung.

Eine Beobachtung für heute

Wir sehen heute kurze Videos und Bildserien auf dem Smartphone und verbinden die Aufnahmen oft ganz selbstverständlich. The Great Train Robbery zeigt, wie stark diese Verbindung von den Entscheidungen hinter der Kamera abhängt. Erst verstehen wir den Raum. Dann lenkt ein Detail unsere Aufmerksamkeit.

Probier es mit einer kleinen eigenen Bildfolge aus: Vertausche das erste und das letzte Foto. Die Aufnahmen bleiben dieselben. Erzählen sie jetzt noch dieselbe Geschichte?

Quellen und Bildrechte

Library of Congress – The Great Train Robbery (1903): https://www.loc.gov/item/00694220/ . Museum of Modern Art – Edwin S. Porter, The Great Train Robbery (1903): https://www.moma.org/collection/works/304708 . American Film Institute Catalog – The Great Train Robbery (1903): https://catalog.afi.com/Film/31841-THE-GREAT-TRAIN-ROBBERY .

Historisches Bild: Edwin S. Porter, The Great Train Robbery, 1903, Filmstandbild mit Justus D. Barnes. Quelle: Wikimedia Commons: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Great_train_robbery_Barnes.jpg . Commons kennzeichnet die Datei als Public Domain.

 
 
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