Die schwierigsten Sekunden eines Fotografen
- Bánhalmi Norbert

- vor 4 Tagen
- 2 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 9 Stunden
• Professioneller Fotografie-Artikel •
Sie sah das Foto an und ihre Augen füllten sich mit Tränen.
Solche Momente erschrecken die meisten von uns, weil wir auf derartige emotionale Reaktionen kaum vorbereitet sind.
Ich suchte nach Worten, konnte aber nur schweigend zusehen, wie sie eine Träne von ihrer Wange wischte.
Langsam hob sie den Kopf und suchte meinen Blick.
Für einen Moment sah ich nach unten, weil ich Angst vor ihrer Reaktion hatte.
In einem Sekundenbruchteil versuchte ich zu verstehen, was gerade passiert war und mich innerlich auf die schlimmste Möglichkeit vorzubereiten:
Ich hatte das Bild versaut.
Mehrere lange Sekunden lang musterte sie nur mein Gesicht.
Ihre eigenen Gesichtszüge wirkten völlig emotionslos.
Wahrscheinlich begann genau dort mein Herz deutlich schneller zu schlagen.
Ich bekam wirklich Angst.
Ich versuchte mich zu erinnern, welches Bild aus der Serie ich ihr gerade gezeigt hatte — welches diese Reaktion ausgelöst hatte.
Ich wusste, dass das M.Zuiko 75mm nicht in jeder Situation ideal war.
Trotzdem hatte ich instinktiv nur dieses Objektiv aus dem Studio mitgenommen.
Im Rückblick fiel mir wieder ein, dass mir beim Verlassen des Studios im Treppenhaus kurz ein Gedanke gekommen war:
Vielleicht wäre auch das M.Zuiko 17mm PRO hilfreich gewesen, das ich kurz zuvor sehr erfolgreich eingesetzt hatte.
Ich kehrte trotzdem nicht um.
Mit dem 75mm konnte ich aus deutlich größerer Entfernung arbeiten.
Ich musste nicht so stark in die persönliche Aura des Models treten wie mit dem 17mm.
In meinem Kopf spielte ich die bisherigen Bilder noch einmal durch.
Beim Ganzkörperbild hatte sie noch gelächelt.
Es war ein sehr gelungenes, spontan auf der Straße eingefangenes Foto gewesen.
Danach kam ein Porträt mit schön verschwommenem Hintergrund.
Darauf hatte sie kaum reagiert.
Aber ich hatte kein Problem gespürt.
Und dann kam dieses eine Bild.
Das Bild, auf das sie jetzt so reagierte.
Gerade als ich gedanklich den gesamten Weg bis zu diesem Moment noch einmal durchgegangen war, sah ich, wie sich die Linie ihres Gesichts veränderte.
Die kleinen Grübchen neben ihrer Nase wurden immer deutlicher.
Sie lächelte.
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