Der große Capa-Bluff: Wie aus einem Budapester „Kriminellen“ das Auge der Welt wurde — die Friedmann-Story ungekürzt
- Bánhalmi Norbert

- vor 4 Tagen
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Aktualisiert: vor 9 Stunden
Wenn heute jemand „fake it till you make it“ sagt, zucken wir kaum noch mit der Wimper — jeder zweite Start-up-Gründer im Silicon Valley kennt das Prinzip. Aber stellt euch das in den 1930er-Jahren vor, als man sich noch nicht hinter Photoshop verstecken konnte. Da war ein junger Mann aus der Városház utca in Budapest, der nicht nur die moderne Kriegsfotografie mitprägte, sondern nebenbei einen der größten Marketing-Bluffs der Geschichte hinlegte.
Er war Robert Capa. Also eigentlich nicht. Er war Endre Ernő Friedmann, Sohn eines Schneiders. Und sein Leben liest sich wie ein Roman von Jenő Rejtő gekreuzt mit Der Soldat James Ryan.
1. Der „Hai“ beißt: Budapester Anfänge und harte Schläge
Endre war nicht der Typ Kind, der beim Sonntagsessen still in der Ecke sitzt. Schon am Madách-Gymnasium war abzusehen, dass es mit ihm Schwierigkeiten geben könnte: großes Mundwerk, heißes Blut. Nicht zufällig bekam er schon als Junge den Spitznamen „Cápa“ — „Hai“ —, teils wegen seines großen Mundes, teils wegen seiner offensiven Art.
Seine Eltern, Dezső und Júlia, hatten für ihn ein respektables bürgerliches Leben vorgesehen: Arzt, Anwalt oder wenigstens ein guter Schneider. Endre interessierte sich jedoch weit mehr für Lajos Kassák und den Munka-Kreis. Dort wurde nicht nur über Politik diskutiert. Dort lernte man auch, dass Kunst kein Zeitvertreib für feine Leute ist, sondern eine Waffe. Kassáks Umfeld hämmerte ihm eine Idee ein: Ein Bild muss „sprechen“.
1931 entschied die Geheimpolizei der Horthy-Zeit dann, dass Endre etwas zu viel sprach. Wegen eines illegalen kommunistischen Treffens wurde er festgenommen. Im Gefängnis bekam er eine Portion „körperliche Überzeugungsarbeit“ — auf gut Deutsch: Er wurde ordentlich zusammengeschlagen. Nur die Verbindungen seiner Eltern bewahrten ihn vor Schlimmerem. Das Urteil lautete praktisch: sofort raus aus dem Land. Mit einem Koffer unter dem Arm machte er sich auf den Weg nach Berlin. Achtzehn Jahre alt, im Exil und pleite.
2. Der Arbeiter, der das System austrickste (Berlin)
In Berlin wollte Endre eigentlich Journalist werden, stellte aber schnell fest, dass sein Deutsch... sagen wir: ausbaufähig war. Hunger dagegen ist ein ziemlich überzeugender Arbeitgeber. So landete er bei der Agentur Dephot, deren Chef der brillante Simon Guttmann war. Guttmann erkannte sein Talent — oder zumindest seine Entschlossenheit — und schickte ihn 1932 nach Kopenhagen, um den legendären Leo Trotzki zu fotografieren.
Es gab nur ein kleines Problem: Fotografieren war strengstens verboten.
Was macht also ein erfinderischer ungarischer Emigrant? Er fragt nicht um Erlaubnis. Endre besorgte sich Arbeiterkleidung, warf sich ein paar Rohre und einen Werkzeugkasten über die Schulter und spazierte an den Sicherheitsleuten vorbei, als wäre er gekommen, um einen tropfenden Wasserhahn zu reparieren. Unter dem Mantel versteckte sich eine kleine Leica. Während Trotzki auf dem Podium gestikulierte, drückte Endre heimlich auf den Auslöser. Die Bilder waren verwackelt und unscharf — aber sie existierten.
Der Welt-Spiegel brachte sie auf die Titelseite. Damals lernte er eine Lektion: Technische Perfektion ist nicht das Entscheidende. Ein echter Fotograf braucht Drama.
3. Der große Trick: Robert Capa wird geboren
Dann kam Hitler, und Endre musste auch aus Berlin fliehen. Er landete in Paris, auf der Terrasse des Café du Dôme, wo er mit anderen mittellosen Künstlern bei einem Kaffee die Welt rettete. Dort begegnete er der Liebe seines Lebens und seiner kreativen Partnerin, Gerta Pohorylle — später Gerda Taro.
Die Lage war miserabel: Fotos von „André Friedmann“ ließen sich kaum zu einem vernünftigen Preis verkaufen. Osteuropäischer Name plus Flüchtlingsstatus bedeutete billige Arbeitskraft.
Also erfanden sie 1936 den Schwindel des Jahrhunderts. „Pass auf“, könnten sie zueinander gesagt haben, „wir erfinden einen reichen amerikanischen Fotografen. Er heißt... Robert Capa.“ Der Name erinnerte möglicherweise ein wenig an den berühmten Regisseur Frank Capra und ein wenig an Endres Kindheitsspitznamen Cápa.
Die Geschichte lautete: Robert Capa sei ein geheimnisvoller, etablierter amerikanischer Starfotograf, so wichtig, dass er nicht direkt mit Redakteuren spreche. Verhandelt werde nur über seine Agentin — Gerda. Und vor allem: Er koste das Dreifache.
Die französische Presse schluckte die Geschichte. Redaktionen konkurrierten um die Bilder des „berühmten Amerikaners“, während im Dunkelkammerlicht der junge Friedmann aus Budapest die Negative entwickelte. Als der Trick aufflog, waren die Fotos bereits zu gut, als dass sich noch jemand ernsthaft für die Lüge interessierte. Endre Friedmann verschwand — und Robert Capa war geboren.
4. Der fallende Soldat und ein umstrittener Tod
Im Spanischen Bürgerkrieg bewegte sich Capa bereits als Weltstar. Dort entstand eines der berühmtesten und umstrittensten Bilder der Fotogeschichte: The Falling Soldier — Der fallende Soldat —, auf dem ein Milizionär scheinbar genau im Moment eines tödlichen Treffers nach hinten fällt.
Bis heute wird gestritten: echt oder inszeniert? Neuere Forschungen, etwa jene von Professor José Manuel Susperregui, machen die Sache deutlich komplizierter. Die Berge im Hintergrund passen nicht zu dem von Capa genannten Ort Cerro Muriano, sondern zu einer Gegend rund fünfzig Kilometer entfernt bei Espejo. Auf den Negativen wurde außerdem ein „zweiter Toter“ am selben Ort und in einer sehr ähnlichen Pose gefunden. Die wahrscheinlichste Version?
Die Soldaten könnten für Capa im Rahmen einer Art Übung posiert haben, als möglicherweise tatsächlich etwas schiefging — oder die gesamte Szene war gespielt. Wie auch immer: Das Bild wurde zu einem Symbol des Krieges. Capa rechtfertigte sich nie ausführlich. Er wusste, dass Legenden oft mächtiger sind als Topografie.
Spanien brachte ihm nicht nur Ruhm. 1937 starb Gerda Taro, seine Partnerin und große Liebe, nach einem Zusammenstoß mit einem Panzer in der Schlacht von Brunete. Capa erholte sich davon nie wirklich. Viele sagen, von diesem Moment an sei er zu einem Fotografen geworden, der die Gefahr fast suchte, weil er das Gefühl hatte, nichts mehr verlieren zu können.
5. „Wenn deine Bilder nicht gut genug sind...” und der Mythos vom D-Day
Capas fotografische Philosophie lässt sich in einem Satz zusammenfassen, den seitdem Generationen von Fotostudenten gehört haben:
„Wenn deine Bilder nicht gut genug sind, warst du nicht nah genug dran.“
Und er nahm das ernst. Am 6. Juni 1944, dem D-Day, war er der einzige Fotograf, der mit der ersten Welle am „Bloody Omaha“ an Land ging. Während andere Deckung suchten, stand er bis zur Hüfte im Wasser, unter deutschem Maschinengewehrfeuer, und fotografierte mit seiner Contax — nicht mit der Leica, denn die Zeiss-Objektive mochte er lieber.
Hier beginnt die zweite große Capa-Legende: die „geschmolzene Emulsion“. Der klassischen Geschichte zufolge schickte Capa seine Filmrollen nach London, wo ein aufgeregter Laborassistent die Temperatur des Trockenschranks zu hoch einstellte und dadurch die Emulsion schmolz. Nur elf Bilder hätten überlebt — und selbst diese seien unscharf gewesen. Sorry, aber diese Geschichte hält einer genaueren Prüfung kaum stand. Moderne Untersuchungen, unter anderem von A. D. Coleman und seinem Team, argumentieren, dass Kodak-Super-XX-Film in einem Trockenschrank nicht einfach schmilzt. Bei einer derart starken Hitzeschädigung hätten außerdem die Perforationen betroffen sein müssen; sie blieben jedoch intakt.
Die Wahrheit ist viel menschlicher. Im höllischen Chaos, mitten in Explosionen und Schüssen, zitterten Capas Hände und die Kamera bewegte sich. Und wisst ihr was? Genau deshalb sind die Bilder so stark. Das Zittern und die Unschärfe sind der visuelle Abdruck der Angst selbst.
6. Magnum und Champagner
Nach dem Krieg ging Capa nicht in Pension. Er trommelte seine Freunde zusammen — Cartier-Bresson, Chim und andere — und gründete bei Champagner Magnum Photos. Das war der große Aufstand der Fotografen. Bis dahin kontrollierten die Magazine üblicherweise die Rechte. Capa und seine Kollegen sagten sinngemäß: „Stopp. Das Negativ bleibt bei uns. Ihr kauft nur das Veröffentlichungsrecht.“
Damit half Capa — ein Spieler, der Poker und Pferderennen liebte — ein neues Modell fotografischer Urheberschaft und Kontrolle über das eigene Werk zu etablieren. Er führte die Agentur mit der Eleganz eines Casinos. Und es funktionierte.
7. Das letzte Bild
1954 reiste Capa, obwohl er sich geschworen hatte, mit der Kriegsberichterstattung aufzuhören, auf Wunsch des Life Magazine nach Indochina. Am 25. Mai begleitete er einen französischen Konvoi. Er folgte seinem üblichen Rezept: besserer Winkel, näher ran. Er verließ die Straße, ging auf ein Feld und trat auf eine Landmine. Nach der Explosion hielt er seine Kamera noch immer in der Hand.
Er starb, wie er gelebt hatte: zu nah.
Endre Friedmann, der Sohn eines Budapester Schneiders, der Robert Capa für sich erfunden hatte, wurde am Ende tatsächlich zu dem Mann, als den er sich einst ausgegeben hatte: zum berühmtesten Kriegsfotografen der Welt. Der Mythos wurde Wirklichkeit — und er bezahlte dafür mit seinem Leben.
Seht euch den Vortrag des Kunsthistorikers und Museologen Dávid Balogh an:
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