Das Geschenk
- Bánhalmi Norbert

- vor 4 Tagen
- 3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 9 Stunden
• Reportage •
Spät am Abend klingelte mein Telefon.
Normalerweise gehe ich um diese Uhrzeit nicht mehr ran, aber irgendwie fühlte sich dieser Anruf anders an.
In der Nummer kamen auffallend viele Einsen und Neunen vor.
Ich sah auf die Uhr:
11:11.
In einem Sekundenbruchteil hatte ich mir bereits zurechtgelegt, wie ich den unbekannten Anrufer höflich zurechtweisen würde, falls der Anruf nichts Wichtiges sein sollte.
Ich nahm ab und brachte nur ein „Hallo?“ heraus — da bedankte sich eine Männerstimme am anderen Ende bereits überschwänglich für meine „Flexibilität“.
„Wie kann ich helfen?“, fragte ich etwas erschöpft.
„Ich möchte meine Frau mit einem künstlerischen Aktshooting überraschen“, kam die hastige Antwort.
Ich stand erst einmal nur da und versuchte, nicht nur auf seine Worte, sondern auf das Gefühl dahinter zu hören.
Noch bevor die fremde Stimme den eigentlichen Grund erklärt hatte, wusste ich:
Hier ging es um etwas wesentlich Tieferes.
Ich fragte, wann er das Shooting machen lassen wollte.
Die Antwort überraschte mich.
„Noch heute Abend, wenn es möglich ist“, sagte er mit leicht stockender Stimme.
In diesem Moment fiel mir der gut vorbereitete Satz ein, mit dem ich ihn eigentlich freundlich ins Bett schicken wollte.
Doch genau dieser Satz kam nicht über meine Lippen.
Ich sagte einfach:
„In Ordnung.“
Was?
fragte ich mich innerlich.
Habe ich das gerade wirklich gesagt?
Ja.
Hatte ich.
Wir vereinbarten, uns ungefähr anderthalb Stunden später im Studio zu treffen.
Ich war dort.
Sie nicht.
Ich rief die Telefonnummer mit den vielen Einsen und Neunen an.
Die Verbindung brach einfach ab.
Ich fühlte mich getäuscht und maßlos enttäuscht.
Erstaunlich, wie sehr eine einzige Enttäuschung einen ganz normalen Alltag beschädigen kann.
Drei Tage später war die Verletzung schon etwas verblasst, als eine SMS von derselben Nummer kam.
Und sofort war alles wieder da.
Er entschuldigte sich und bat mich, ihm eine Rechnung zu schicken, damit er den Ausfall bezahlen könne.
Außerdem schrieb er, dass sie unbedingt noch kommen wollten und er auch dieses Shooting sofort begleichen würde.
Ich verstand die ganze Situation nicht.
Ich schickte nichts.
Antwortete nicht.
Und ließ es los.
Fünf Monate später, kurz vor Weihnachten, erhielt ich eine Anfrage für einen Geschenkgutschein.
Die angegebene Telefonnummer erinnerte mich stark an jene seltsame Nacht.
Da ich aber alles gelöscht hatte, konnte ich sie nicht eindeutig zuordnen.
Und auch diesmal ging es um ein künstlerisches Aktshooting.
Wir schreiben Dezember 2017.
Jedes Jahr überprüfe ich die noch nicht eingelösten Gutscheine und hoffe, dass die Beschenkten irgendwann tatsächlich kommen.
Im Jahr 2020 war nur noch dieser eine Gutschein offen, der älter als sechs Monate war.
Bis Donnerstag dieser Woche.
An diesem Tag klärte sich alles.
- In jener Nacht war das Shooting deshalb so dringend, weil die Frau am nächsten Morgen wegen eines kleinen Tumors eine Brustentfernung vor sich hatte. Sie kamen nicht im Studio an, weil es ihr plötzlich schlecht ging und sie direkt ins Krankenhaus mussten. Eigentlich hatte man ihr schon vorher geraten, bis zur Operation dortzubleiben, aber sie hatte sich hartnäckig dagegen gewehrt.
- Im Frühjahr 2018 wollte sie zum Aktshooting kommen. Ende Dezember war sie jedoch mit ihrem Sohn schwanger geworden und beschloss, den Gutschein lieber für ein Schwangerschaftsshooting zu nutzen.
- Als für sie der richtige Zeitpunkt gekommen war, fand sie bei mir keinen freien Termin. Ihr Sohn kam außerdem früher als erwartet zur Welt.
- Anfang 2019 wollte sie den Gutschein für ein Familienshooting einlösen. Dann bekam ihr Mann eine Arbeitsstelle im Ausland, und auch daraus wurde nichts.
- In diesem Jahr endete schließlich die Auslandsentsendung ihres Partners. Kurz darauf machte die Pandemie erneut einen Strich durch die Rechnung. Inzwischen hatte sie viel Sport gemacht und war auch seelisch wieder vollständig auf die Beine gekommen.
- Am Mittwochabend schaute sie aus einem spontanen Gefühl heraus auf meinem Buchungskalender nach freien Terminen. Genau kurz davor hatte ich wegen einer Absage einen Platz freigegeben. Sie griff sofort zu.
Drei Jahre später erreichte das Geschenk endlich sein Ziel. :)
Mit diesem Blogbeitrag erfülle ich außerdem den Wunsch meines Models.
Durch ihre Geschichte möchte sie den Leserinnen und Lesern sagen:
„Alles geschieht zu seiner Zeit. Wir müssen nur vertrauen — und unsere Intuition wird uns auf unserem Weg führen.“
Norbert Bánhalmi instagram.com/banhalminorbert
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