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// Hinter den Kulissen. Ein Foto und die Geschichte dahinter!

Fotogeschichte #04 – Alfred Stieglitz: wenn ein Bild zwischen zwei Welten steht

Autorenbild: Bánhalmi Norbert
Bánhalmi Norbert
31. Aug.
3 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 8. Sept.

Alfred Stieglitz’ The Steerage von 1907 im Ausstellungsraum der Fotogeschichte

Alfred Stieglitz’ Fotografie The Steerage von 1907, Passagiere auf zwei Deckebenen der SS Kaiser Wilhelm II
Alfred Stieglitz: The Steerage, 1907. Gemeinfreie Reproduktion; Quelle: Wikimedia Commons / Google Art Project. Laut Library of Congress sind keine Veröffentlichungsbeschränkungen bekannt.

Bei The Steerage fällt mir zuerst nicht die Menge der Menschen auf. Es ist die Präzision, mit der das Schiff selbst sie voneinander trennt. Oben die Reling, unten das Deck, dazwischen ein heller Steg, Seile, Hüte und Gesichter. Soziale Distanz bekommt beinahe eine architektonische Form.


Was geschah 1907 tatsächlich?


Alfred Stieglitz fotografierte die Szene im Juni 1907 auf der SS Kaiser Wilhelm II während einer Reise von New York nach Europa. Er selbst reiste in der ersten Klasse. Beim Blick hinunter auf das günstigere Zwischendeck sah er jene Ordnung aus Menschen und Formen, die später zu einem Schlüsselbild der Fotografie wurde.


Eine verbreitete Erzählung braucht dabei eine Korrektur. Das Foto wird häufig als Bild von Einwanderern auf dem Weg nach Amerika verwendet. Laut Library of Congress fuhr das Schiff jedoch in Richtung Europa. Unter den Passagieren könnten Facharbeiter und Familien gewesen sein, die nach zeitlich begrenzter Arbeit in den USA zurückkehrten. Für dokumentarische Fotografie ist genau diese Genauigkeit entscheidend.


Ein ikonisches Bild wird oft nicht deshalb einfach, weil seine Geschichte einfach wäre, sondern weil spätere Generationen ihm gern eine einzige Bedeutung geben.

Die visuelle Entscheidung: zuerst Ordnung, dann Erklärung


Stieglitz beschrieb später Formen, die ihn anzogen: den weißen Strohhut, den schrägen Steg, die Relings, den Mast und die übereinanderliegenden Bildebenen. Die National Gallery of Art ordnet das Bild als wichtigen Schritt seiner modernistischen Wende ein – weg von der malerischen Atmosphäre des Piktorialismus, hin zu einer stärkeren geometrischen Ordnung im Bild.


Die Kameratechnik ist hier zweitrangig. Entscheidend ist, dass Stieglitz die Beziehung zwischen Menschen und Struktur erkannt hat. Er arrangierte die Szene nicht. Er fand eine Ordnung in einer bereits bestehenden Situation.


Zwei Decks, zwei soziale Positionen


Die beiden Ebenen des Fotos trennen die Passagiere sichtbar. Gleichzeitig gehört Stieglitz’ eigener Standort zur Geschichte: Er blickte aus dem Bereich der ersten Klasse nach unten. Das ist kein neutraler Blickpunkt.


1907 war außerdem ein außergewöhnlich intensives Jahr der US-amerikanischen Migrationsgeschichte. Der Ellis-Island-Guide der Library of Congress nennt 1907 als Spitzenjahr der Ankünfte. Die U.S. National Archives dokumentieren für 1899 bis 1914 einen starken Anstieg der Einwanderung aus Süd- und Osteuropa und gleichzeitig härter werdende politische Debatten über Einschränkungen und Regulierung.


Daraus lässt sich nicht ableiten, was jede einzelne Person auf dem Bild empfand. Dokumentierbar ist eine Zeit großer Mobilität, deutlicher Klassenunterschiede, temporärer Arbeit, Rückkehr, Hoffnung und wachsender politischer Unruhe rund um Migration.


Wann wurde daraus Fotogeschichte?


Die Aufnahme entstand 1907, veröffentlicht wurde sie von Stieglitz erst 1911 in Ausgabe 36 von Camera Work. Das Metropolitan Museum of Art bezeichnet The Steerage als eines seiner zentralen Werke und als wichtiges Zeichen seines Übergangs zu einer direkteren, modernen Bildsprache.


Die Bedeutung liegt also nicht nur im Motiv. Fotografie versucht hier nicht mehr, möglichst wie Malerei auszusehen. Sie sucht im gewöhnlichen Leben nach visueller Struktur.


Bánhalmi Norberts heutiger fotografischer Blick


Für mich ist das entscheidende Wort Position. Nicht nur der physische Standort der Kamera, sondern die Position, aus der ein Mensch einen anderen betrachtet. Stieglitz fotografiert von oben nach unten, während das Bild selbst von sozialer Differenz zu sprechen beginnt. Genau dadurch wird dieser Blick zugleich stark und etwas unbequem.


Beim Fotografieren frage ich mich deshalb nicht nur, ob die Komposition funktioniert. Entscheidend ist auch, ob ich verstanden habe, was der Ort bedeutet, von dem aus ich fotografiere. Das gilt für ein Porträt genauso wie für einen Vorstandstermin, eine Veranstaltung oder eine Straßenszene.


Eine Kamera zeigt nicht nur, was vor ihr war. Sie verrät auch, wo wir entschieden haben zu stehen.

Was kann uns das Bild heute sagen?


Auch heute sehen wir ständig Bilder von Migration, Ungleichheit und Menschen zwischen Orten oder gesellschaftlichen Positionen. Der Vergleich braucht Zurückhaltung: 1907 ist nicht 2026, und historische Situationen dürfen nicht einfach gleichgesetzt werden.


Vertraut wirkt jedoch die vereinfachende Kraft von Bildern. Ein Foto kann sehr schnell zum Symbol werden, während die individuellen Geschichten dahinter verschwinden. The Steerage erinnert daran, dass eine starke Komposition den Kontext nicht ersetzt.


Warum ist The Steerage fotogeschichtlich wichtig?


Kurz gesagt: Alfred Stieglitz’ The Steerage von 1907 gehört zu den Schlüsselwerken der modernen Fotografie, weil es eine dokumentierte gesellschaftliche Situation mit einer außergewöhnlich starken geometrischen Bildstruktur verbindet. Zugleich markiert es Stieglitz’ Entfernung vom Piktorialismus und zeigt, wie sich die Bedeutung eines Fotos durch Veröffentlichung, Wiederholung und kulturelle Erinnerung verändern kann.


Quellen und Bildrechte


Das Werk wurde 1911 erstmals veröffentlicht. Die Library of Congress nennt keine bekannten Einschränkungen für eine Veröffentlichung. Die hier verwendete hochauflösende Reproduktion ist auch bei Wikimedia Commons mit Public Domain Mark 1.0 gekennzeichnet. Stieglitz starb 1946; damit ist das Werk auch nach der in Österreich und der EU üblichen Schutzfrist von 70 Jahren nach dem Tod des Urhebers gemeinfrei. Weitere kunsthistorische Quellen: The Met und die National Gallery of Art.

 
 
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