10.07. | Der kamerascheue Maler, der mit einer Zigarette das nächtliche Paris eroberte
- Bánhalmi Norbert

- vor 4 Tagen
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 9 Stunden
Vergiss die Technik. Vergiss die Regeln. Es ist Zeit, den Künstler in dir zu entdecken.
Hast du dich schon einmal gefragt, wie Henri Cartier-Bresson, der Meister des entscheidenden Augenblicks, die Welt gesehen hat? Oder wie Brassaï das nächtliche Pulsieren von Paris empfand? Was wäre, wenn du einen Monat lang mit ihren Augen auf die Welt schauen könntest?
Das ist kein gewöhnlicher Fotokurs. Es ist ein zehnmonatiges Abenteuer, eine Zeitreise in das goldene Zeitalter der Fotografie. Von September bis Juni schlüpfen wir jeden Monat mit Unterstützung des Kunsthistorikers und Museologen Dávid Balogh in die Welt eines legendären Fotokünstlers. Wir analysieren nicht nur ihre Bilder: Wir erleben ihre Epoche, übernehmen ihre Art zu sehen und gestalten Arbeiten in ihrem Stil. Details zur Erwachsenenbildung findest du hier.
Also, legen wir los.
Der Held unseres heutigen Beitrags ist Brassaï: das aus Ungarn stammende Genie, das vom Maler, Schriftsteller und Bildhauer zu einer der großen Legenden der Fotografie wurde. Lernen wir Gyula Halász kennen, besser bekannt unter seinem Künstlernamen Brassaï – „der Mann aus Brassó“ –, und einige der außergewöhnlichsten Stationen seines surrealen, lichtdurchfluteten Lebens. Danach schauen wir uns bei ihm ein paar Tricks fürs Fotografieren im Dunkeln ab.
Ein Künstler, der die Kamera ziemlich spät entdeckte
Gyula Halász, geboren am 9. September 1899, war ein fundiert ausgebildeter Künstler. Er studierte an der Hochschule für Bildende Kunst in Budapest und hielt sich von 1918 bis 1922 in Berlin auf, wo er unter anderem mit László Moholy-Nagy, Kandinsky und Oskar Schlemmer in Berührung kam.
Mit 25 Jahren kam er nach Paris, in die Stadt des Lichts, und arbeitete vor allem als Journalist. Die Pointe: Bis ungefähr zu seinem dreißigsten Lebensjahr griff Brassaï kaum ernsthaft zur Kamera. Warum der Wechsel? Der spätere Weltstar wurde zum Meister teilweise aus Sparsamkeit: Für seine Artikel ständig Fotografien als Illustrationen einzukaufen, rechnete sich schlicht nicht.
Rivalität und Ars Poetica
Zwei große Namen halfen dabei, Brassaï zur Kamera zu bringen:
Eugène Atget: Der große Chronist von Paris, der über Jahrzehnte mit einer großformatigen Holzkamera die alte Stadt dokumentierte und ein visuelles Archiv von unschätzbarem Wert hinterließ.
André Kertész: Er erkannte das Potenzial des Malers, ermutigte ihn und nahm ihn sogar mit zum Fotografieren. Später – wie es in der Kunstwelt gelegentlich vorkommt – warf Kertész Brassaï vor, Ideen übernommen zu haben.
Brassaïs fotografisches Credo: Fotografie war für ihn kein Selbstzweck, sondern ein wunderbares Werkzeug, um jene schönen, seltsamen und außergewöhnlichen Dinge festzuhalten, die ihn berührten. Er war ein Sammler – ein Sammler von Bildern und emotionalen Momenten des Lebens.
Paris bei Nacht und die Unterwelt der Stadt
Brassaï fand jenes Terrain, das Atget weitgehend ausgelassen hatte: das Nachtleben. Unermüdlich durchstreifte er Paris und fotografierte Menschen, verlassene Straßen, intime Begegnungen und private Szenen.
Der Durchbruch kam mit Paris de Nuit. Das 1932 mit sechzig Bildern veröffentlichte Buch machte ihn schlagartig international bekannt. Es folgte das explizitere Voluptés de Paris (Die Freuden von Paris, 1935), mit Prostituierten, Kriminellen und Nachtlokalen als Motiven. Obwohl das Buch erfolgreich war, distanzierte sich Brassaï später davon.
Abwechslung macht das Leben schön
Später verliebte sich Brassaï sogar in Wände. Ab 1932 dokumentierte er über Jahre die sich ständig verändernden Graffiti, Ritzungen und Spuren auf Pariser Mauern. Daneben schuf er äußerst geschmackvolle, geometrische und beinahe surreale Aktstudien.
Während des Zweiten Weltkriegs, als Straßenfotografie eingeschränkt war, verließ Brassaï Paris zeitweise, kehrte aber zurück, um versteckte Negative zu retten. In diesen Jahren widmete er sich wieder stärker dem Zeichnen und der Lyrik.
Brassaïs Fotoschule: Vier „lange“ Tipps für das perfekte Nachtbild
Von Brassaï und Atget kann man nicht nur etwas über Motive, sondern auch über Technik lernen. Wenn du die malerische Atmosphäre des nächtlichen Paris – oder einfach deiner Stammkneipe – einfangen möchtest, helfen diese Lektionen des Meisters, besonders bei langen Belichtungszeiten.
1. Der „Zigaretten-Timer“ – Belichtung
Vergiss den eingebauten Timer deiner modernen Kamera. Brassaï arbeitete mit frühen Glasplattenkameras, die extrem lange Belichtungen verlangen konnten – manchmal vier oder fünf Minuten. Der Legende nach maß er manche Belichtung an der Zeit, die er zum Rauchen einer Zigarette brauchte.
Tipp: Für lange Belichtungen – nachts etwa ab einer Sekunde – brauchst du eine stabile Auflage. Nutze den Pro-Modus von Smartphone oder Kamera und halte den ISO-Wert, soweit es die Situation erlaubt, niedrig (etwa 100–400), um Rauschen zu minimieren.
2. Verschmelze mit der Wand – die Kunst der Stabilität
Zu Brassaïs Zeit war ein Stativ nicht immer praktikabel, deshalb war eine stabile Kameraposition entscheidend.
Tipp: Suche feste Auflagepunkte. Scheue dich nicht, die Kamera auf den Boden zu stellen oder an eine Wand beziehungsweise Säule anzulehnen. Das verhindert nicht nur Verwacklung, sondern zwingt dich auch, aus einem begrenzten und oft interessanteren Winkel zu komponieren.
3. Geister und Materialität – Komposition
Brassaï liebte malerische Bildwirkungen und nutzte die technische Eigenheit langer Belichtungen: Bewegte Menschen verschwinden dabei manchmal wie Geister oder lösen sich in weichen Spuren auf.
Motiv-Tipp: Konzentriere dich auf Geometrie und Textur. Suche nasse, glänzende Gehsteige und Kopfsteinpflaster – Brassaï liebte die Materialität von Oberflächen. Nutze Spiegelungen in Schaufenstern und auf nassem Asphalt, um Tiefe und Atmosphäre zu verstärken.
Licht-Tipp: Spiele mit dramatischen langen Schatten und diffusem Licht. Um Graffiti oder Wandstrukturen herauszuarbeiten, kannst du hartes Streiflicht verwenden, etwa eine seitlich gehaltene Taschenlampe.
4. Stimmungsvolle Nachbearbeitung
Um die nostalgische, leicht unheimliche Atmosphäre des alten Paris zurückzubringen, darf die Nachbearbeitung mithelfen.
Tipp: Fotografiere in Farbe und konvertiere später in Schwarz-Weiß oder experimentiere mit einem dezenten Sepiaton. Der warme Braunton kann jene nostalgische „alte Film“-Stimmung erzeugen, die wir mit frühen fotografischen Abzügen und der Welt Brassaïs verbinden.
Werde selbst zum Sammler: Sammle die versteckte Magie von Wänden, stille Straßendetails und intime Momente des Stadtlebens. Und vergiss nicht: Für eine stabile Langzeitbelichtung ist eine Säule in der Nähe ausgesprochen praktisch. Die Zigarette ist optional.
Jetzt sehen wir uns an, was die Künstler unserer kreativen Fotoschule daraus gemacht haben.
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