09.23. | Wenn die Realität zu gut aussieht ...
- Bánhalmi Norbert

- vor 4 Tagen
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 9 Stunden
Heute haben wir getestet, wie man sich online zu unseren Einheiten in Wien dazuschalten kann. Die gute Nachricht: Ab jetzt kann jeder auch online teilnehmen – man muss sich nur hier registrieren.
Der BMI Fotoklub entwickelt sich bis Ende September langsam zu einer riesigen geheimen Fotografen-Sekte, mit Henri Cartier-Bresson als Hohepriester und unserem Motto: „Die Suche nach dem unwiederholbaren, PERFEKTEN MOMENT.“
Unsere Mission heute Abend fand in der Wiener Innenstadt statt: Mit diskreter Street-Photography-Technik das Unfassbare erwischen.
Und was war das Hauptziel? Ein einziges Foto. Ja, richtig gelesen: Wir konzentrierten uns auf genau ein perfektes Bild. Eines, das ins Wohnzimmer, ins Büro, aufs WC und in die Küche gehört.
Wichtig war, den Ausstiegspunkt zu erkennen. Das ist einer der größten spirituellen Kämpfe eines Fotografen: jener Moment, in dem man sich zufrieden zurücklehnt, statt blind die nächste SD-Karte vollzuballern. Monat für Monat trainieren wir dieses Gefühl – den Punkt, an dem das Bild einfach fertig ist.
Keine Zeit für Unsicherheit. Wir fotografieren so, als hätten wir eine Filmkamera mit 36 Aufnahmen in der Hand und dies wäre unsere letzte Rolle. Die Digitalfotografie ist der Fluch des Überflusses; wir sehnen uns freiwillig zurück nach fotografischer Enthaltsamkeit.
Gefangen in der Perspe(k)tive: Zurückschauen verboten!
Bressonartig zu fotografieren ist alles andere als einfach. Der neueste Trend scheint sogar zu lauten: Alles muss scharf sein. Selbst die letzte Taube ganz hinten – denn wer weiß, vielleicht ist ausgerechnet sie die eigentliche Schlüsselfigur der Handlung.
Von späterem Zuschneiden oder Zoomen brauchen wir gar nicht erst zu träumen. Das Bild muss in dem Moment stimmen, in dem wir auslösen. Punkt. Wie bei einem Chirurgen: Nach der Operation gibt es kein „Eigentlich hätte ich dort noch ein bisschen weiter schneiden sollen“-Retuschieren.
Wie schafft man unter diesen Bedingungen ein perfektes Bild? Wir beginnen mit der Perspektive. Linien, Parallelen, Senkrechte. Zuerst muss der Rahmen stimmen. Ist der Rahmen gut, hat alles, was darin passiert, eine Chance, gut zu werden.
Suche die Linien. Sei im Moment. Drück ab. Fertig.
Und ZURÜCKSCHAUEN IST VERBOTEN.
Wenn du das Foto sofort kontrollierst, beginnt der Kopf: „Vielleicht könnte ich noch ein besseres machen.“ Das ist der ansteckende Sumpf des Zweifels, der das künstlerische Ich langsam auffrisst.
Der große Albtraum: Ich bin ZU PERFEKT (und die KI ist schuld)
Warum diese Verbissenheit in die rohe Realität, wenn moderne Technik unser Leben so viel einfacher machen könnte? Heute kannst du der KI einfach sagen: „Stell die Sonne anders hin. Gib dem Gemüsehändler an der Ecke Brad Pitts Frisur. Und mach die Augen der Taube neonpink.“
Doch auch das kann langweilig werden. Ein Künstler möchte irgendwann an den Punkt kommen, an dem er den Auslöser drückt und das Bild genau so PERFEKT ist, wie es entstanden ist. Sonst könnte man sich fragen, warum man überhaupt mit einer teuren Kamera durch Wien läuft.
Es gibt allerdings ein gewaltiges Problem: künstliche Intelligenz.
Bald könnte das Internet von KI-Bildern überschwemmt sein, weil es immer leichter wird, Schönheit und Perfektion zu erzeugen – selbst dann, wenn diese Art von Perfektion in der Realität GAR NICHT EXISTIERT. Die Sonne steht immer im idealen Winkel. Aus jedem Gesicht verschwinden die Poren. Die Pizza verbrennt nie. Willkommen in der digitalen Photoshop-Diktatur.
Das Verrückteste? Ich habe es getestet. Ich veröffentlichte drei oder vier KI-Bilder und danach eigene, echte Fotografien, mit Zeit und Arbeit entstanden. Und ausgerechnet zu meinen realen Bildern sagten die Leute: „Wow, das ist bestimmt KI – es ist ZU GUT!“
Man stelle sich das Drama vor: Ein Fotograf arbeitet jahrelang an seiner Qualität, erreicht irgendwann beinahe Perfektion – und dann glaubt das Publikum, ein Algorithmus habe das Bild erzeugt.
KI hat genau aus solchen professionellen Fotografien gelernt. Viele Menschen waren es nur nicht gewohnt, so viele davon auf einmal zu sehen. Das PERFEKTE BILD wird plötzlich zum Synonym für KI.
Wir sind an einem Punkt angekommen, an dem ein Foto, das zu professionell aussieht, für synthetisch gehalten werden kann. Der Fotograf will ein außergewöhnliches Bild schaffen – doch wenn ausgerechnet der Erfolg die Glaubwürdigkeit zerstört, wird Perfektion zum neuen Fehler.
Ich will Realität! Oder wenigstens einen Pickel!
Es gibt Hoffnung.
Je stärker KI jede Spur der Wirklichkeit glattbügelt, desto größer könnte die Sehnsucht nach REALITÄT werden. Ja: Lass den Pickel da. Lass den Fehler, die Falte, den Schmutz. Denn makellose, sterile Bilder werden uns überall begegnen.
Der Wunsch nach Perfektion ist übrigens nicht neu. Schau dir alte Porträts deiner Großeltern an – auch dort findest du oft kaum eine Falte. Damals lag das an den Retuschemethoden und technischen Grenzen der Zeit. KI kann viel weiter gehen und fast jede Spur gelebter Wirklichkeit entfernen.
Aber wir kleinen Bressons können der Welt wieder beibringen, echtes Gefühl zu suchen und die Essenz eines Moments sichtbar zu machen.
Die Menschen werden wieder Realität sehen wollen – und real gesehen werden wollen.
Wenn eine KI eine idealisierte Version von dir erzeugt, kann sie nie das echte Gefühl deines Daseins wiedergeben. Im besten Fall entsteht eine makellose, aber seelenlose Kopie.
Wir sind die Jäger des perfekten Fehlers.
Mach dich bereit, KI. Vielleicht wird das meistgelikte Foto bald eines sein, auf dem jemand das Brot völlig schief geschnitten hat – weil es wenigstens ECHT ist.
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