09.16. | Der entscheidende Moment, zensiert: So imitierst du den Bresson-Look mit Gemini AI
- Bánhalmi Norbert

- vor 4 Tagen
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 9 Stunden
Machen wir uns bereit, mit den Werkzeugen des digitalen Zeitalters den Geist Henri Cartier-Bressons heraufzubeschwören, des Paten der Street Photography. (Wer mehr über ihn erfahren möchte, findet hier den Beitrag unserer vorherigen Einheit.) Bresson, der die Bezeichnung „größter Fotograf des 20. Jahrhunderts“ Berichten zufolge ziemlich direkt als „bullshit“ abtat, zeichnete sich nicht nur durch den berühmten „entscheidenden Augenblick“ aus, sondern vor allem durch seinen außergewöhnlichen Sinn für Komposition.
Beginnen wir mit dem Wichtigsten: der Ausrüstung.
1. Bresson-Kommando: Ausrüstung und Philosophie
Die Kamera – oder das anarchistische Arsenal
HCB arbeitete legendär mit einer 35-mm-Leica-Messsucherkamera und einem 50-mm-Objektiv.
Unser Setup: Keine Sorge, wenn das Budget nicht für eine Leica reicht. An einer digitalen Micro-Four-Thirds-Kamera wie Olympus | OM System entspricht ein 25-mm-Objektiv ungefähr dem Bildwinkel eines 50-mm-Objektivs am Vollformat. Und wenn du nur dein Smartphone hast – das Bresson natürlich noch nicht nutzen konnte, du aber liebst –, dann arbeite damit und übertrage seine Prinzipien.
Film und Farbe: Schwarz-Weiß, immer. Kodak Tri-X bei ISO 400 war ein Klassiker. Bei einer Digitalkamera kannst du eine monochrome Vorschau einstellen, damit du Licht und Schatten schon im Sucher beurteilst.
Das heilige Dreieck: Mit der Blende steuerst du die Lichtmenge; eine Verschlusszeit um 1/125 Sekunde ist für diese Art von Street Photography ein sinnvoller Ausgangspunkt.
Geringe Schärfentiefe verboten: Vergiss für diese Übung F1.5. Ist die Schärfentiefe zu gering, verschwinden die Bildebenen – und die Menschen im Hintergrund sind wichtig. Wir suchen nicht nur Emotion, sondern Form und Geometrie.
Die Sünde des Blitzes: Kein Blitz. Cartier-Bresson mochte Blitzlicht bekanntlich nicht und empfand es als Störung des natürlichen Augenblicks.
2. Die entscheidende Komposition – oder der geometrische Zwang
Für Bresson standen Formen, Geometrie und Struktur im Zentrum. Du musst lernen zu sehen wie ein Künstler oder Maler, der sich jahrelang mit visuellen Beziehungen beschäftigt hat.
Führungslinien: Der einfachste Einstieg. Suche Linien, die den Blick direkt zu deinem Motiv führen.
Drittelregel: Teile das Bild gedanklich und platziere dein Motiv an einem Schnittpunkt. Einfach, brauchbar, fertig.
Rahmen im Rahmen: Rahme dein Motiv mit Architektur oder anderen Bildelementen ein. Bresson beherrschte das hervorragend.
Regel der ungeraden Zahlen: Erlaube ein wenig visuelle Merkwürdigkeit. Suche Dreier- oder Fünfergruppen oder eine einzelne Person, die aus einem Muster ausbricht – etwa eine bewegte Figur zwischen zwei statischen Gruppen.
Juxtaposition: Ein modisches Wort für bedeutungsvolle Gegensätze. Jugend neben Alter, Bewegung neben Stillstand, Eleganz neben Verfall – die Beziehung erzeugt das Bild.
Goldener Schnitt: Der schwierigere Teil. Keine Sorge, wenn du ihn beim Fotografieren nicht bewusst erkennst. Vielleicht stellst du erst später beim Durchsehen fest, dass deine Komposition dich versehentlich wie ein Genie aussehen lässt.
Das Bresson-Paradox: Bresson war dafür bekannt, möglichst in der Kamera zu komponieren statt später zu beschneiden. Trotzdem musste eines seiner berühmtesten Bilder – der über eine Pfütze springende Mann hinter dem Gare Saint-Lazare – beschnitten werden, weil seine Aufnahmeposition räumlich eingeschränkt war. Das Fotografenleben steckt voller Ironie.
3. Geminis „Nano Banana“-Funktion: Abkürzung zur Geometrie
Ich gebe es zu: Echte Fotografie im Geist Bressons ist schwierig. Sie bringt dich an Orte, an die du vielleicht nicht freiwillig gehen würdest, und zwingt dich, dich intensiv mit Form, Timing und räumlichen Beziehungen zu beschäftigen. Dafür braucht man Lernen und ein trainiertes Auge.
Aber was wäre, wenn wir die KI einfach um den perfekten „Bresson“ bitten?
Die Theorie hinter Geminis Nano-Banana-Funktion
Google Gemini kann leistungsfähige Bildmanipulation und Bildgenerierung. Aus unserer Sicht fühlt sich das beinahe an wie ein Zauberstab, der einen Teil jener Mühe verschwinden lässt, die traditionelle Fotografie verlangt.
Nach der Anmeldung bei Gemini kannst du das für unser Experiment auf mehrere Arten nutzen:
Sofortige Stiltransformation: Lade ein Bild hoch und beschreibe den gewünschten visuellen Charakter präzise – kontrastreich, geometrisch, dokumentarisch, schwarz-weiß, mit mehreren Bildebenen, spontaner Bewegung und natürlichem Licht. Konkrete Bildmerkmale sind nützlicher als nur der Name eines berühmten Künstlers.
Kontrastkorrektur: Funktioniert das Bild noch nicht, kannst du dir eine kontrastreichere Schwarz-Weiß-Interpretation erzeugen lassen und diese als visuelle Referenz für deine eigene, sorgfältige Bearbeitung nutzen.
Inspirationspartner: Nutze KI zur Vorvisualisierung. Hast du eine Idee im Kopf, erstelle eine grobe visuelle Richtung und schick sie dem Kunden mit der Nachricht: „In diese Richtung denke ich.“
Den „entscheidenden Augenblick“ generieren: Wenn du keine Lust mehr hast, auf der Straße exakt die Choreografie zu suchen, die du dir vorstellst, kann KI auch eine konzeptionelle Szene oder Bewegungsstudie erzeugen. Dokumentarfotografie ist das natürlich nicht – sondern eine generierte Referenz oder ein eigenständiges Kunstbild.
Wichtige Hinweise zum Nano-Banana-Experiment
Wasserzeichen und Herkunft: KI-Tools können sichtbare Kennzeichnungen hinzufügen oder Herkunftsinformationen in Dateien einbetten. Statt solche Hinweise heimlich zu beseitigen, ist Transparenz die bessere Praxis: Ein KI-generiertes Bild sollte auch als solches behandelt werden.
Qualitätsvorbehalte: Generierte Bilder können bei genauer Betrachtung oder in großen Ausgabeformaten noch auseinanderfallen, während ein sorgfältig aufgenommenes und retuschiertes Original wesentlich mehr echte Detailinformation behalten kann. Die Technik entwickelt sich allerdings schnell.
Wenn du also maschinelle Generierung statt maschinenhafter Konzentration wählst, brauchst du trotzdem eine gute Geschichte und eine klare Aussage. Für uns ist der bessere Weg: rausgehen, den Moment bewusst gestalten, fotografieren – und KI anschließend höchstens als zusätzliche kreative Ebene einsetzen, nicht als Ersatz fürs Sehen.
Danach verließen wir die virtuelle Welt und gingen hinaus auf die Straße, um im Abendlicht Bilder zu jagen.
Das Ziel? Ein einziges perfektes Foto.
Vergiss die tausend Bilder, die du später ohnehin löschst, und konzentriere dich. Schwarz-Weiß oder Farbe? Wie du möchtest. Wenn du in Farbe arbeitest, reduziere die Sättigung für eine weichere Palette. Am Smartphone kannst du mit Schwarzpunkt und Belichtung experimentieren, um eine etwas verhangenere, grafischere Wirkung zu erzielen.
Und jetzt kommt die Wendung: Suche nicht nur spontane Momente. Konstruiere Bewegungen. Plane sie voraus.
Gib dir höchstens fünf Minuten, um aus dem, was du gerade siehst, eine Bildidee zu entwickeln. Das ist kein Zeitdruck, sondern kreative Disziplin. Übe am Abend, wenn die Straßen ruhiger werden. Nutze die vorhandenen Lichter der Stadt. Beim Smartphone tippst du zur Belichtungsmessung auf das Motiv und ziehst die Belichtung anschließend herunter, bis die Szene die gewünschte dunkle, dramatische Stimmung bekommt.
Wenn du die großen Persönlichkeiten der Fotogeschichte spannend findest, komm am Dienstag, 7. Oktober, ab 18:15 Uhr zu unserer nächsten Online-Zoom-Einheit. Wenn du live keine Zeit hast, lohnt sich die Registrierung trotzdem: Zwei Tage später schicken wir die komplette Einheit per E-Mail. Kostenlose Anmeldung und Details findest du hier.
Jetzt schauen wir uns an, was unser Team diese Woche geschaffen hat. Und wenn du Lust bekommen hast, dienstagabends in Wien dabei zu sein, findest du hier alle Informationen. Ein Einstieg ist jederzeit möglich.
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