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// Hinter den Kulissen. Ein Foto und die Geschichte dahinter!

09.09. | Der Meister des entscheidenden Augenblicks und die Haar-Kaskade in der U-Bahn-Unterführung

  • Autorenbild: Bánhalmi Norbert
    Bánhalmi Norbert
  • vor 4 Tagen
  • 4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 9 Stunden

Vergiss die Technik. Vergiss die Regeln. Es ist Zeit, den Künstler in dir zu entdecken.

Hast du dich schon einmal gefragt, wie Henri Cartier-Bresson, der Meister des entscheidenden Augenblicks, die Welt gesehen hat? Oder wie Brassaï das nächtliche Pulsieren von Paris empfand? Was wäre, wenn du einen Monat lang mit ihren Augen auf die Welt schauen könntest?

Das ist kein gewöhnlicher Fotokurs. Es ist ein zehnmonatiges Abenteuer, eine Zeitreise in das goldene Zeitalter der Fotografie. Von September bis Juni schlüpfen wir jeden Monat mit Unterstützung des Kunsthistorikers und Museologen Dávid Balogh in die Welt eines legendären Fotokünstlers. Wir analysieren nicht nur ihre Bilder: Wir erleben ihre Epoche, übernehmen ihre Art zu sehen und gestalten Arbeiten in ihrem Stil. Details zur Erwachsenenbildung findest du hier.

Also, legen wir los.

Hallo, Fotoliebhaber und Augenblicksjäger! Habt ihr schon einmal darüber nachgedacht, dass Fotografie nicht bloß Auslösen ist, sondern eine Art Ruf, eine Form des Lebens? So hatte ich es auch nicht formuliert, bevor ich tief in das Werk Henri Cartier-Bressons eingetaucht bin, des „Meisters des entscheidenden Augenblicks“.

Macht euch bereit: Dieser Mann wurde zu einer solchen Legende, dass man ihn während des Zweiten Weltkriegs zeitweise sogar für tot hielt – und er anschließend beinahe ein ganzes Jahrhundert lebte.




Der Mann, der fast hundert wurde – und die ungarische Verbindung

Cartier-Bresson war Franzose, lebte eine Zeit lang in New York, betrachtete Paris aber als sein eigentliches Zuhause. Er wird häufig als Picasso der Fotografie bezeichnet und nannte nicht viele Fotografen als zentrale Inspiration. Zwei Ungarn waren jedoch wichtig: Martin Munkácsi und André Kertész.

Munkácsis berühmtes Three Boys at Lake Tanganyika, auf dem Jungen ins Wasser laufen, traf Cartier-Bresson tief. Später beschrieb er das Bild als eine Art Offenbarung: Silhouetten, Bewegung und das Spiel von Licht und Schatten zeigten ihm, dass Fotografie einen flüchtigen Augenblick festhalten und ihm Dauer verleihen kann.

Die Leica, schwarzes Klebeband und das ewige 50-mm-Objektiv

Bresson – der formbesessene Ästhet, ab jetzt durchaus brauchbar als Dating-App-Bio – liebte seine Leica. Die glänzenden Metallteile soll er mit schwarzem Klebeband abgedeckt haben, damit die Kamera weniger auffiel und ihn beim Komponieren weniger ablenkte. Während des Krieges versteckte er seine Kamera sogar, damit sie nicht beschlagnahmt wurde. Das nenne ich Liebe.

Eng verbunden ist sein Name außerdem mit dem 50-mm-Objektiv, dessen Bildwinkel gut zu seiner Art passte, die Welt zu ordnen. Warum einen Schrank voller Objektive tragen, wenn eine einzige Perspektive so intuitiv funktioniert?

Der entscheidende Augenblick: Jagd auf die fragile Wirklichkeit

Was ist nun dieser entscheidende Augenblick?

Denk an einen Jäger, der geduldig wartet – nicht auf ein Tier, sondern auf das Zusammentreffen von Geste, Geometrie und Bedeutung. Cartier-Bresson suchte jenen Moment, in dem eine Szene gleichzeitig anzudeuten scheint, was gerade geschehen ist, was jetzt passiert und was als Nächstes folgen könnte.

Nehmen wir das berühmte Bild des Mannes, der hinter dem Gare Saint-Lazare über eine Pfütze springt. Seine Ferse berührt das Wasser noch nicht, aber wir erwarten den Spritzer bereits und spüren die Bewegung. In einem einzigen Standbild läuft plötzlich ein kleiner Film ab.

Magnum und die Chronisten der Welt

Nach dem Krieg – als sich herausstellte, dass er sehr wohl lebte – gründete Cartier-Bresson gemeinsam mit anderen Fotografen Magnum Photos mit. Die Fotografen der Kooperative reisten mit handlichen Kameras durch die Welt, arbeiteten schnell und unauffällig und dokumentierten große Ereignisse ebenso wie das alltägliche Leben.

Und warum erzähle ich das alles?

Weil wir in unserer Fotoschule nicht beim Reden über Bressons Blick geblieben sind – wir haben ihn ausprobiert.

Auf Empfehlung von Dávid Balogh, dem Kunsthistoriker und Museologen, der die Einheit leitete, fotografierten wir mit unseren Smartphones, in Schwarz-Weiß, und verließen bewusst unsere Komfortzone.

Die Aufgabe: einmal auslösen, ein starkes Bild. Keine Nachbearbeitung, keine Retusche. Licht, Schatten, Geometrie und den dynamischen Moment schon vor dem Auslösen in eine funktionierende Komposition bringen.

Statt bei der letzten Einheit gemütlich Bilder zu analysieren, stiegen wir hinunter in die Tiefen einer U-Bahn-Unterführung. Wo sonst ließen sich flüchtige, spontane Alltagsmomente besser jagen als im lauten, pulsierenden „Bauch“ der Stadt?

Und die Aufgaben?

Davon könnten die Teilnehmer erzählen.

In Zweiergruppen sollten sie Begriffe wie „Träne“, „Plantschen“, „Bremsen“, „Luftballon“ und „Haar-Kaskade“ in entscheidende Augenblicke übersetzen. Nicht wörtlich illustrieren – gesucht war die emotionale oder bewegte Essenz hinter dem Begriff.

In einigen Gesichtern war der Schock deutlich zu sehen. Das gehörte dazu.

Wenn du also Lust bekommen hast, mit dem Smartphone in Schwarz-Weiß auf die Jagd nach entscheidenden Augenblicken zu gehen – schwarzes Klebeband optional –, dann mach es. Wer weiß, vielleicht wirst du der nächste Meister des entscheidenden Moments.

Cartier-Bressons Philosophie lässt sich so zusammenfassen: Fotografie verlangt vollständige Konzentration. Für den Bruchteil einer Sekunde müssen Kopf, Auge und Herz zusammenarbeiten, während die flüchtige Wirklichkeit sich ordnet.

Oder wie wir es in der U-Bahn-Unterführung sagen würden: Schwarz-Weiß einschalten und die Haar-Kaskade erwischen, bevor sie weg ist.

Jetzt schauen wir uns an, wie unsere Schüler ihren inneren Bresson hervorgeholt haben.


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