06.10. | Wenn das Leben das Drehbuch umschreibt: Das Licht der Liebe im Schatten der Trauer
- Bánhalmi Norbert

- vor 4 Tagen
- 3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 9 Stunden
Manche Tage planen wir Wochen im Voraus. In meinem Kopf sah ich den Tag schon vor mir: ein sonniger Dienstag in der Wiener Innenstadt, an dem ich mit den Mitgliedern meines Fotoklubs durch die Straßen ziehe. Der Plan war einfach und schön: ahnungslose Touristen ansprechen und ihnen ein professionelles Foto schenken – eine bleibende Erinnerung an die Stadt.
Ich stellte mir überraschte Gesichter, dankbare Lächeln und gemeinsames Lachen vor. Einen Tag über Verbindung, Freude und die reine Liebe zur Fotografie.
Dann kam der Dienstag, und das Leben strich unser sorgfältig geschriebenes Drehbuch mit einem einzigen grausamen Zug durch.
Eine Tragödie erschütterte ein Land, das wir als friedlich erlebt hatten, und die Schwere der Nachrichten legte sich auf uns alle.
Schock und Trauer hingen wie eine dunkle Wolke über der Gruppe. Besonders in den Gesichtern von Eltern kleiner Kinder war zu sehen, wie tief die Ereignisse getroffen hatten.
In der Luft lag unausgesprochene Angst.
Als Leiter der Gruppe spürte ich eine Verantwortung: Irgendwie musste ich uns helfen, durch diesen Moment hindurchzukommen.
Der erste Schritt war, das Schweigen zu brechen.
Ich ließ jeden über Schmerz, Wut und Hilflosigkeit sprechen. Ich drängte niemanden. Ich hörte einfach zu.
Als die Worte langsam versiegten und sich eine erschöpfte Ruhe über uns legte, hatte ich das Gefühl, dass vielleicht Platz für einen anderen Gedanken entstand.
Wir gingen Richtung Stephansdom, während mein Kopf fieberhaft nach einer Richtung suchte.
Wie weiter?
Was machen wir mit dieser schweren Stille und mit den zwei Stunden, die noch vor uns liegen?
Auf dem Weg zum Domturm kam dann eine Idee.
Ein einfacher Gegenpol.
Wenn uns die Welt gerade ihre dunkelste Seite gezeigt hatte, würden wir bewusst nach Licht suchen.
Nach dem Gegenteil.
„Gut, Leute“, sagte ich und blieb stehen. „Heute ändern wir die Aufgabe. Wir sprechen niemanden an. Heute arbeiten wir still und unauffällig wie Street Photographer. Aber wir suchen weder Klatsch noch Spektakel. Wir haben nur ein Thema: Liebe. Sucht nach Momenten, die euer Herz wärmen.“
Weitere Einzelaufgaben gab es nicht.
Wir gingen los.
Zuerst zögerlich, die Kameras fast wie Gewichte um den Hals.
Dann veränderte sich etwas.
Ein älteres Paar, Hand in Hand.
Ein Vater, der seiner kleinen Tochter etwas ins Ohr flüstert und sie zum Lachen bringt.
Zwei Freundinnen auf einer Bank, die einander etwas sehr Persönliches erzählen.
Mit jeder Minute hoben sich die Kameras häufiger.
Durch die Objektive suchten wir nicht mehr nach der Gefahr in der Welt, sondern nach Fürsorge, Zärtlichkeit und Verbindung.
Das Thema selbst hielt uns davon ab, wieder in die Trauer zurückzusinken.
Jedes Bild wurde zu einem kleinen Sieg über die Schwere.
Je bewusster wir nach Liebe suchten, desto mehr davon entdeckten wir im Gewimmel der Stadt.
Natürlich achteten wir auf die Privatsphäre der Menschen.
Die wichtigste Regel: Personen in spontanen Bildern sollten nicht identifizierbar sein. Wenn wir doch einen sehr persönlichen Moment einfingen, gingen wir auf die Betroffenen zu, baten um Erlaubnis und schickten ihnen das Foto, wenn sie zustimmten.
So blieb am Ende sogar ein kleiner Teil unseres ursprünglichen Plans erhalten.
Dieser Dienstag wurde völlig anders als gedacht.
Vielleicht gab er uns gerade deshalb etwas Tieferes.
Er erinnerte uns daran, dass es selbst in sehr dunklen Momenten sinnvoll sein kann, nach Licht zu suchen. Kunst kann Trauer nicht auslöschen, aber eine behutsame Verschiebung der Aufmerksamkeit kann helfen, sie zu verarbeiten.
Während wir kleine Fragmente von Zuneigung sammelten, löste sich die Spannung in unserer Gruppe langsam.
Der Fotoklub geht auch im Sommer jeden Dienstag weiter, und jeder ist willkommen – Schüler, Erwachsene und Pensionisten.
Bald startet außerdem der Creative Photo Club Junior für jüngere Teilnehmer. Darüber erzähle ich in einem eigenen Beitrag mehr.
Fotografie bedeutet nicht nur, Bilder zu machen.
Sie ist auch eine Möglichkeit, die Welt neu zu deuten.
Und manchmal ganz still eine Möglichkeit, der eigenen Seele beim Verarbeiten zu helfen.
Wir treffen uns jeden Dienstagnachmittag. Wenn du bei unseren Klubtagen dabei sein möchtest, komm in unsere WhatsApp-Gruppe.
Und am Sonntag, 15. Juni, um 15:00 Uhr laden wir zu unserem Familien-Open-Day ein.
Details findest du hier.
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